Montag, 11. Oktober 2010

Hört mich Gott?!..

Liebe Schwestern und Brüder,
Liebe Gäste,


Am Anfang ein Zitat: "Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen" (Lk 18, 7f.). - Stimmt das mit unserer Lebenserfahrung zusammen? Spricht aber diese Erfahrung oft eher dagegen?..


Als vor vielen Jahren der italienische Politiker Aldo Moro von Terroristen ermordet wurde, nach langen Tagen quälender Ungewissheit, sprach Papst Paul VI bei der Beerdigung ein eindrucksvolles Gebet: "O Gott des Lebens und des Todes,.. du hast unser Gebet für die Unversehrtheit Aldo Moros, dieses guten, milden, weisen, unschuldigen Menschen nicht erhört." So betete ein Papst!.. Und so müssen viele Menschen auch bis heute erfahren, dass das Gebet nicht erhört wird, wie sie sich wünschen. Gläubige Menschen haben sich mit solch bedrängenden Erfahrungen immer wieder auseinander gesetzt und nach Antworten gesucht. Nun möchte ich einige dieser Antworten zum Ausdruck bringen, in der Hoffnung, dass manches auch für unser eigenes Beten, für unsere eigene Gottesbeziehung hilfreich sein könnte.


Hier und da kann man hören: Gott weiß besser als wir selber, was uns wirklich gut tut. Wäre es denn in der Tat gut, Gott würde alle unsere Wünsche erfüllen?..
Es ist sicher richtig: Gott weiß besser als wir selber, was für uns gut ist. DOch damit sind längst nicht alle Fragen gelöst.
Andere führen diese Antwort weiter: Wer im Glauben gereift ist, wird vor allem darum beten, dass Gottes Wille geschieht. Jedes Bittgebet muss unter diesem Vorbehalt des Gebetes Jesu am Ölberg stehen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Und doch: Wer in den Fluten seiner Sorgen unterzugehen droht, wird sicher nicht beten: Dein Wille geschehe, sondern: Herr, rette mich, rette mein Kind, rette meinen Mann, meine Frau, rette uns! Auch die Beter der Psalmen haben es genauso gemacht. Das gehört doch zu einem lebendigen Gebet dazu: dass ich aus meiner Not auch schreien kann. Doch es bleibt richtig: Ich muss im Lauf meines Lebens immer mehr lernen, mich in den Willen Gottes einzuschwingen, das Vertrauen zu ihm wagen. Aber ich weiß auch, wie sehr ich bei solchem Versuch mit Rückschlägen zu kämpfen habe.


Andere Menschen sagen zum Thema -Beten: Wenn ich bete, werde ich gelassener, ruhiger. Das Gebet hilft mir, schließlich mein Schicksal anzunehmen, besser damit fertig zu werden. Das Beten stärkt meine Gewissheit, dass Gott bei mir ist, dass er mich trägt, mich nicht im Stich lässt, auch nicht in dunklen Zeiten. Für mich persönlich ist dies eine sehr hilfreiche Antwort. Dennoch: Wie viele hoffen mit dem Mut der Verzweiflung, dass das Unmögliche geschieht?.. Wie viele beten beten aus einem ehrlichen, ungebrochenen Vertrauen, Gott möge auch in ausweglosen Situationen einen Ausweg finden.?..


Aber hier liegt zugleich unsere größte Verlegenheit mit dem Bittgebet. Viele von uns können nicht mehr so intensiv beten wie Menschen früherer Zeiten. Die Einsicht in die Naturwissenschaft beeinflusst ganz von selbst die Art unsere Glaubens und unseren Betens. So stellen viele heute Fragen: Greift Gott denn in den Lauf der Dinge ein? Wird er ein Wunder noch wirken?
Liebe Schwestern und Brüder, Liebe Gäste,
für mich persönlich ist die folgende Antwort am hilfreichsten.
Im Gebet sage ich Gott - spontan oder durch ein Text - alles, was mich bewegt, was mich beglückt, was mich freut, aber auch was mich erschüttert, mich ratlos und hilflos macht. Ich sage es ihm, wie ich es auch einem guten Freund erzählen würde oder meinen Eltern oder dem Ehepartner. Von denen erwarte ich ja auch nicht, dass sie alle Probleme lösen. Ich erwarte vielmehr, dass sie mich anhören, mich trösten, mit mir fühlen, mich verstehen.
Darum geht es beim Beten: wir vertrauen uns Gott an. Wir sagen ihm, was uns bewegt, was uns dankbar macht, was uns freut, uns begeistert, aber auch all das, was uns den Mut nimmt, uns bekümmert, auch das, was uns wütend macht, was uns zweifeln lässt.
Für mich ist es wieder bewegend, mit welche Vitalität, mit welchem Vertrauen die Beter der Bibel, z.B. in den Psalmen sich an Gott wenden: in Freude und Dank, aber auch in Anklage und Protest. Doch selbst dieser tiefe Protest kann doch Zeichen von noch tieferem Vertrauen sein, das von Gott dennoch nicht lassen will.


Vgl. F.- J. Ortkemper, Fragen um das Bittgebet (Lk 18, 1-8), in: PrKat 140 (2000-01) 784-788.

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