Liebe Schwestern und Brüder,
Ich finde an manchen christlichen Sekten nicht selten, wie sie provokativ mit der Bibel umgehen. Sie greifen einen Satz heraus und nehmen ihn wörtlich, ohne zu bedenken, was der Sinn des Textes eigentlich ist. Das führt dann z.B. dazu, dass manche Sekten genau wissen wollen, wie viele Menschen das ewige Heil erreichen: 144.000 sollen es angeblich sein. Besonders schockierend finde ich, dass die Mitglieder dieser Sekten dann behaupten, SIE SELBST würden zu den Geretteten gehören, alle anderen nicht.
Und wir haben gerade in der 2. Lesung etwas Anderes gehört: "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden" (1 Tim 2, 4). Alle Menschen: das schließt keinen aus. Gott hat den Menschen nicht geschaffen, um ihn anschließend fallen zu lassen. Das ewige Heil ist auch nicht wenigen Auserwählten vorbehalten, sondern ist für alle Menschen bestimmt. Natürlich passiert das nicht automatisch, wie manche es wollten. Gott gibt Keinem sein Geschenk gegen den Willen, aber Gott bietet jedem Menschen ewige Rettung an, der Gottes Wohlwollen annimmt und danach handelt.
Das bedeutet für uns, dass wir nicht vorschnell irgendeinem Menschen absprechen können, für ewig gerettet zu werden. Wir dürfen nicht meinen, andere Christen verurteilen zu können, nur weil wir katholisch sind. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und es steht uns nicht zu, ein Urteil darüber zu fallen, wem er seine Gnade bestimmt schenkt und warum er das tut.
Ganz konkret wird es dann, wenn wir die Menschen in unserer Umgebung betrachten, in unserer Gemeinde, in unserer Nachbarschaft, in der eigenen Verwandschaft und Familie. Keinem von ihnen dürfen wir das Wohlwollen Gottes absprechen. Wir müssen uns bewusst machen, dass Gott jeden retten will.
Weil das so ist, geht Paulus noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: "Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen" (1 Tim 2, 1). Wenn wir beten, denken wir an uns selbst, an unsere Anliegen, an unsere Wünsche, an unsere eigene Not. So ist es richtig, wenn wir aber andere auch nicht vergessen.
Deswegen haben in der Eucharistiefeier die Fürbitten so wichtigen Rang. Hier besteht die Möglichkeit, wirklich für alle Menschen zu beten - deswegen auch oft Gebet in Stille. Wir sind als Gemeinde verantwortlich für sie. In den Fürbitten geht es nicht nur um unsere Bedürfnisse. Es geht vielmehr um Menschen, die Verantwortung tragen, es geht um Notleidende, um Ausgegrenzte und Bedrängte; es geht um Menschen in Gewissenskonflikten und Glaubensschwierigkeiten; es geht um Egositen und Sinn-Suchende; es geht um Frauen und Kinder; es geht um Ältere und Jugendliche. Mit einem Wort gesagt: in den Fürbitten treten wir betend ein bei Gott für alle Menschen, konkret und aktuell (hic et nunc).
Liebe Schwestern und Brüder,
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Das ist kein frommer Wunsch. Jesus Christus hat sich hingegeben für alle als Lösegeld, das haben wir im Text der 2. Lesung gehört. Durch seine Hingabe hat er den Weg zu Gott geöffnet für alle Menschen. An einer anderen Stelle bei Paulus ist es zu lesen: "Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht und dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht, und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus" (Tit 2, 11-13).
So dürfen wir froh und dankbar sein, dass es nicht nur um 144.000 Menschen geht, die von Gott gerettet werden, sondern dass alle dazu berufen sind, also auch wir heute. Amen!
Vgl. Manfred Scharzhuber, Ewiges Heil - für wen? (1 Tim 2, 1-8), in: PrKat 146 (2007) 675-677.
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