Mittwoch, 30. Juni 2010

Gastfreundschaft bei uns

Liebe Gäste,




Ein chinesischer Konvertit macht sich nach seiner Taufe zu Fuß auf den Pilgerweg von Peking nach Rom und erlebt dabei eigenartige Begebenheiten: Solange er in Zentralasien auf dem Weg ist, genügt es, dass er sich als Pilger zu erkennen gibt, um bei der ersten Türe Gastfreundschaft zu finden. Im Lebensbereich der orthodoxen Kirche beginnen bereits die Probleme, auch wenn der Pilger immerhin noch einen Schlafplatz findet und Essen und Trinken erhält. Im Lebensraum der Westkirche dagegen findet er kaum Unterkunft. Höchstens wird ihm gelegentlich Geld in die Hand gedrückt...



Gastfreundschaft ist in der Augen des Glaubens nicht einfach ein moralisches Mittes, um heilig zu werden, sondern sie ist ein viel elementarer Weg, um dem Heiligen selbst zu begegnen.


Im Latein bezeichnet "hostis" den Fremden und zugleich den Feind. In vielen archaischen Kulturen wird der Fremde zunächst als Feind betrachtet, und zwar deshalb, weil er von außen her und überraschend in den (ansonsten) Lebensraum der Menschen einbricht und diesen allein dadurch in Frage stellt, dass er sich anders verhält als die Einheimischen: anders gekleidet, mit einer anderen Hautfarbe und eine andere Sprache benutzt.


Bei den Griechen hingegen bezeichnet "xenos" den Fremden und zugleich den Gast. In diesen Kulturen konnte sich ein eigentliches Gastrecht beheimaten. Dies gilt vor allem von der jüdisch-christlichen Tradition, in der sich die Gastfreundschaft als wirksames Mittel gegen die angstbesetzten Instinkte vor dem Fremden erweist. Indem die Gastfreundschaft nicht nur die Türe des Hauses, sondern auch die Türe des Herzens öffnet, versucht sie den Fremden als Freund zu gewinnen.


Bereits der Talmud schlägt eine revolutionär neue Definition des Fremden vor, wenn er betont, dass es eigentlich gar keine Fremden gibt, sondern nur Menschen, die sich noch nicht begegnet sind. In diesem Sinne ist jeder Fremde ein potentieller Freund, sofern man nur den Mut hat, sich ihm zu öffnen und ihn in seinem von Gott gewollten Anderssein anzunehmen. Dann hört er von selbst auf, ein Fremder zu sein, und wandelt sich zum Gast-Freund.

Die sprichwörtlich gewordene biblische Gastfreundschaft ist das Erkennungszeichen einer neuen Kultur des Umgangs mit dem Fremden. Damit drängt sich uns Christen heute auch auf dem Pfarrfest) die Frage auf, wie wir den Fremden betrachten: als hostis oder als xenos, als Feind oder als Gast? Sind wir der biblischen Tradition der Gastfreundschaft treu?


Auf der paraktizierten Gastfreundschaft beruhte ein Großteil der Faszination des Christentums in der antiken Welt. Die Praxis der Gastfreundschaft hat in der alten Kirche auf jeden Fall mehr Evangelium unter die Leute gebracht als die direkte Verkündigung des Evangeliums durch die Worte selbst. Oder anders gesagt: Die gelebte Praxis der Gastfreundschaft erwies sich als die beste Verkündigung des Evangeliums. Überall dort, wo die Praxis der Gastfreundschaft gelebt wird, wächst auch die missionarische Potenz der christlichen Kirche.


Zu vorbehaltloser Gastfreundschaft will und das Wort Gottes ermutigen - wohl darum wissend, dass mit der gelebten Praxis der Gastfreundschaft die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirche auf dem Spiel steht. Amen!








Vgl. Bischof Kurt Koch, Amitcitia in multikultureller Bewährung, in: PrKat 143 (2004) 792-797

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