Liebe Gäste!
In allen Religionen suchen Menschen nach Gott und machen sich ein Bild von ihm. Es kann sehr unterschiedlich aussehen. Im Grunde finden wir drei Grundtypen: Zum einen gibt es Religionen, die viele Gottheiten verehren. Andere wie Judentum glauben streng an den einen und einzigen, die Welt überschreitenden Gott. In den indischen Religionen wiederum gilt Gott als die verborgene Tiefe der Welt; alles ist göttlich. Das christliche Gottesbild unterscheidet sich von allen diesen Gottesbildern - und nimmt sie doch in gewisser Weise auf. Gemäß der Offenbarung des Neuen Bundes glauben wir, dass Gott "ein einziger in drei Personen" ist. Mit Juden teilen wir die Überzeugung, dass Gott nur einer ist. Doch unser Gott existiert nicht in Einsamkeit. In ihm gibt es die Liebe, Gemeinschaft, Beziehungen - das besagt jene Lehre, dass der eine Gott in drei Personen lebt. Sie sind zwar unterscheidbar, doch ganz eins in ihrer liebenden Verbundenheit.
Der dreieinige Gott ist sozusagen "transzendent", d.h. ganz anders als alles in der Welt, und er lebt jenseits der geschaffenen Welt. Doch etwas verbindet uns auch mit dem Gottesbild der indischen Religionen: Als der "Heilige Geist" durchdringt und belebt Gott seine Schöpfung. Er ist überall in der Welt gegenwärtig und wirksam. Besonders in den Herzen glaubender Menschen macht er sich bemerkbar. Allerdings wissen wir wohl: Wir sind nicht selbst göttliche Wesen, sonders Gottes Heiliger Gesist wird uns geschenkt.
Das christliche Gottesbild des "dreieinigen Gottes" enthält auch natürlich viele Geheimnisse. So viel aber kann wohl jeder Mensch verstehen: Zu Gottes Wesen gehören Gemeinschaft und Liebe. "Gott ist die Liebe", heißt es im ersten Johannesbrief (1 Joh 4, 8.16). Er liebt nicht nur uns Menschen und seine Welt, sondern sogar in seinem innersten Wesen ist er die Liebe.
Das hat wiederum weitgehende Auswirkungen auf das christliche Bild vom Menschen. Nach einem Wort aus der biblischen Schöpfungsgeschichte sind wir Menschen "nach Gottes Abbild geschaffen" (vgl. Gen 1, 26.27). Im Wesen des Menschen spiegelt sich also etwas Wichtiges vom Wesen Gottes wieder. Da Gott in seinem innersten Wesen Liebe und Gemeinschaft ist, gehört dies auch zum Wesen von uns Menschen. Sinn und Erfüllung unseres Lebens finden wir am tiefsten durch echte menschliche Beziehungen, durch Liebe und Gemeinschaft.
Gute Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, fällt verschiedenen Menschen unterschiedlich leicht oder schwer. Es gibt gesellige und kontaktfreudige Persönlichkeiten, aber auch solche, die sich damit schwer tun. Der Blick auf den dreieinigen Gott, der in sich eine Gemeinschaft ist, richtet an beide einen je eigenen Ruf.
Wer mit menschlichen Kontakten Probleme hat (sich schwertut), den ruft Gott gewissermaßen (gleichsam) "aus seinem Schneckenhaus heraus": "Spürst du nicht, dass dein Alleinsein, so bequem es erscheinen mag, dich leer und unerfüllt lässt? Suche die Begegnung mit Menschen. Halte nicht an dir fest, sondern verschenke dich. Baue echte und tiefe Beziehungen, Gemeinschaft und Freundschaft auf. Du wirst sehen, wie es dich lebendiger und glücklicher macht!"
Mancher scheut ja engere Beziehungen, weil er Angst hat, dabei seine Freiheit zu verlieren. Beziehungen bedeuten immer auch Bindungen; sie können einschränken. Und hier entsteht eine Herausforderung: "Springe über deine Angst um dich selbst hinweg, über die Angst um deine Freiheit. Wage die Bindung, ja die Verpflichtung, die mit jeder tiefen Beziehung einhergeht - ob es eine Ehe, eine Freundschaft oder eine Glaubensgemeinschaft ist. Begreife und erlebe, dass du viel freier wirst, gerade indem du dich an andere bindest! Beziehungslose Freiheit bleibt leer; erst die Bindung an andere Menschen gibt deiner Freiheit ein Ziel und einen Inhalt."
Es gibt auch Menschen, die von Natur aus weniger verschlossen sind. Sie lieben die Geselligkeit und finden schnell Kontakt. In jedem Fall bedeuten für sie gute Beziehungen auch nicht weniger eine Herausforderung. Häufig geben sie sich nämlich mit eher oberflächlichen Kontakten zufrieden. Dass die nicht tragen, merken sie vielleicht erst, wenn sie auf Probe gestellt werden. Der Blick auf den dreieinigen Gott richtet daher an sie einen anderen Ruf: "Gib dich nicht zufrieden nur mit netter Geselligkeit. Suche Freundschaft als einfach gemeinsame Interessen und "sich gut verstehen". Wahre Liebe, wahre Freundschaft suchen den anderen Menschen um seiner selbst willen, und sie suchen die tiefe Einheit zwischen den Personen. Mühe dich darum - und du findest eine Lebenserfüllung."
Was lässt Menschen wirklich "eins" werden? Dafür braucht es ein ernsthaftes Bemühen, den anderen zu achten und zu verstehen genau in dem, wo er anders ist als ich! Gerade sein Anderssein wird so zur Bereicherung. Man muss viel miteinander im Gespräch sein, aufmerksam und einfühlsam zuhören, aber auch offen und ehrlich sich mitteilen. In jeder und jedem von uns steckt doch eine ganz "innere Welt": die Welt unserer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche, Träume, Pläne... -auch unserer Sorgen und Probleme. Diese innere Welt bleibt anderen normalerweise verborgen. Es bedeutet eine Sternstunde (Höhepunkt) in jeder echten Beziehung, wenn Menschen so viel Vertrauen zueinander fassen, dass sie füreinander diese innere Welt öffnen können. Dabei macht man sich verletztbar - aber man lernt einander aehr tief kennen und verstehen. Es entsteht eine "Einheit des Geistes".
Liebe Gäste,
solche Augenblicke tiefer "Einheit" mögen uns verstehen helfen, welche Wirklichkeit in Gott lebt: dass es hier keinerlei Grenzen zwischen den Personen gibt, und sie darum "ewig" eins sind! Für uns sind diese Stunden ein Widerschein (Spiegel) des Himmel.
Möge der Blick auf Gottes inneres Leben, auf die Liebes-Einheit der drei Personen, uns ermutigen, jene "Einheit des Geistes" immer neu zu suchen, uns darum zu mühen; und möge sie in unseren Beziehungen und Gemeinschaften immer wieder zur Erfahrung werden!
Vgl. Wilhelm Schäfer, Gottesbild-Menschenbild (thematisch), in: PrKat 147 (2008) 402-404.
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