Mittwoch, 10. März 2010

Nicht Neues vom verlorenen Sohn...

Liebe Gäste,



Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11 - 32) gehört zu den vertrautesten Texten der Bibel. Ich denke, das wird bei uns auch so sein. Wir kennen gut oder sehr gut, was wir eben im Evangelium gehört haben. Vielleicht sollten wir die Sache mit den beiden Brüdern ein wenig anders angehen...



Stellen wir uns vor, es handelt sich gar nicht um zwei Brüder, sondern die beiden verkörpern zwei Seiten, zwei gegensätzliche Strömungen in uns, in unserem Innern. Bestimmt kennen Sie das: In einer bestimmten Situation des Lebens stellt sich die Frage nach einem Neuanfang. Soll ich Neues, Unbekanntes wagen, soll ich Neuland betreten und damit auch die Möglichkeit des Scheiterns in Kauf nehmen, oder wähle ich die Sicherheit des Gewohnten und alles soll so bleiben, wie es ist?..



Eine solche Situation unseres Lebens greift diese Erzählung heraus, nämlich die Loslösung eines jungen Menschen, gleich ob Frau oder Mann, aus dem Elternhaus. Es geht also schlicht und einfach zuerst einmal darum, dass ein junger Mensch erwachsen geworden ist und jetzt etwas ganz Normales in Angriff nimmt, nämlich von zu Hause auszuziehen und sich auf die eigenen Beine zu stellen. Dabei machen alle Beteiligten so ihre eigenen Erfahrungen, und die sind oft nicht ganz einfach. So war es damals, so ist es heute.

Dann wäre unser Gleichnis eine Erzählung darüber, wie beide Seiten - Eltern und Kinder, diese schwierige Lebensphase am besten bewältigen können. Und es ginge also darum, welche innere Haltung und welches äußere Handeln es braucht, damit man wieder gut zusammenkommen kann, wenn man auseinander geht.



Fällt es uns nicht auf, mit welcher Selbstverständlichkeit der Vater seinen Jüngsten ziehen läßt. Er ist bereit, sein Erwachsensein ernst zu nehmen, er enthält sich jeden Kommentars. Die "Annerkenung der Freiheit des anderen" - hier eines gerade erwachsen gewordenen jungen Mannes, von dem man sich noch nicht einmal sicher sein darf, ob er mit dieser Freiheit auch wirklich umgehen kann, die Annerkennung dieser Freiheit erscheint mir als die erste wesentliche innere Haltung, die wir vom Vater für uns selbst lernen können.



Ich bewundere, wie sich der Vater "seine Offenheit für den jüngeren Sohn bewahrt". Kein Zweifel: Die familiären Bande zählen und bleiben verlässlich, egal was geschehen wird. Für den Vater ist es klar: Du bleibst mein Sohn, was immer geschieht. Mein inneres Haus, mein Herz, bleibt offen für Dich und deshalb steht Dir auch die Tür von Haus, Hof, und Garten offen, was immer auch an schlimmsten Nachrichten aus der Ferne an mein Ohr dringt. Eine solche solidarische Haltung zu denen, die zu uns gehören, möchten wir auch uns bis ins Alter bewahren, über alle möglichen Enttäuschungen hinweg.
Diese Haltung gilt überigens auch für den älteren Sohn, dessen Zorn über das Wiedersehensfest der Vater wohl nachvollziehen kann, es aber doch nicht gut heißt (missbilligt). Er kommt ihm in seiner Verschlossenheit genauso entgegen wie vorher dem Jüngeren in dessen Angst und Unsicherheit und wirbt durch gutes Zureden behutsam um Verständnis.

Und schließlich ist es "die spontane Freude des Vaters, seine Emotionalität", sein gefühlsorientiertes Handeln, das uns bewegen kann. Da gibt es kein irgendeines Für und Wider, keinen Zweifel, ob der Jüngere denn das alles überhaupt verdient hat oder ob das dem Älteren gegenüber vielleicht irgendwie ungerecht sein könnte.
Einen solchen Zugang zu unseren Gefühlen und die Freiheit, diese auch zu zeigen und zu leben, das können wir immer wieder lernen. Nicht immer die innere Zensur des Verstandes, nicht immer die Frage: "Tut man das? Was werden die anderen sagen?" Von den Gefühlsbetontheit des Vaters lebt schließlich auch der ältere Sohn. Er bekommt zwar ein kritisches Wort zu hören, etwa derart: "Was hast du denn! Du bist doch immer bei mir und Du kannst mit mir rechnen! Aber diese Kritik wird sofort aufgelöst in die Geste des Aufeinanderzugehens und in die fast zärtliche Rückversicherung, dass die Vaterliebe dem Älteren nicht weniger gilt.

Stellen wir uns Frage: Welche Haltung brauchen wir, wenn vor uns neue Wege anstehen, deren Gelingen noch nicht absehbar und man deshalb unsicher ist? Welche Haltung braucht es, damit man wieder gut zusammenkommen kann, wenn man auseinander geht und wenn womöglich noch etwas schief geht?

Antwort kann sein:
- Die Freiheit der anderen und ihrer Entscheidungen und Wege respektieren und gleichzeitig die eigene Freiheit bewahren.
- In Offenheit die Entwicklungen anderer zulassen und gleichzeitig auf die Verlässlichkeit eigener Beziehungen vertrauen.
- Eigene Gefühle leben und gleichzeitig die Gefühle der anderen wahr- und ernstnehmen.

Zwei Herzen, zwei Seelen, zwei Schwestern, zwei Brüder können wir in unserem Brust spüren, wenn Neues ansteht in unserem Leben, wenn sich die Frage nach neuen Anfängen und neuen Wegen stellt: Der eine Bruder heitß "Gehen", der andere "Bleiben". Der eine Bruder heißt "Verändern", der andere heißt "Bewahren".

Da tut es gut, um einen Menschen, aber auch um einen Vater im Himmel zu wissen, der fraglos zu mir steht....


Vgl. Bruno Durst, Nichts Neues vom verlorenen Sohn? (Ev), in: PrKat 143 (2003-04) 268-271.

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