Montag, 12. Oktober 2009

Die Kraft der Begeisterung

Liebe Schwestern und Brüder,

Liebe Gäste,

„Sich einzusetzen für etwas, was uns wichtig erscheint,

beschert uns die befriedigendsten Momente unseres Lebens.“

Dieses Wort des Spaniers Nobelpreisträgers Jose Cela kann das Schlüsselwort sein, das uns einen Zugang zum heutigen Evangelium öffnet. Der Mann, der auf Jesus zuläuft, vor Ihm auf die Knie fällt und ihn nach dem ewigen Leben fragt, ist so weit noch nicht innerlich berührt (=vorgestoßen). Er weiß nicht recht, was für ihn eigentlich wichtig ist. Er ist zwar so willig und brav, dass er alles tut, was ihm vorgeschrieben wird. Er beachtet die Gebote… Aber das ist im Leben nicht alles, das schenkt noch keine Erfüllung… Vielleicht fühlt sich dieser Mensch, von dem das Evangelium erzählt, innerlich zerrissen, weil er nicht weiß, was er will. Und nun hofft er, Jesus könnte ihm helfen, dieser Jesus aus Nazareth, dessen Worte so von einer inneren Glut erfüllt sind und dessen Anziehungskraft etwas Unwiderstehliches hat. So kommt er beinahe untertänig zu Jesus – wie ein Kind, das seinen Vater fragt: „Was soll ich denn machen? Du kannst es mir doch sagen!“ Oder wie ein gehorsamer und lernwilliger Schüler, der sagt: „Kannst du mir nicht sagen, was ich tun soll?“

Dieser Mann im Evangelium befindet sich an einer Nahtstelle seines Lebens. Aber er muss die Antwort auf seine Frage in sich selber suchen und finden. Es tut gut, dass es bei Markus heißt: „Da sah ihn Jesus an, und weil Er ihn liebte, sagte Er: „Eines fehlt dir noch…“ Jesus fühlt liebevoll mit diesem jungen Mann, der so gutwillig ist, dem aber der Entzündungsfunke fehlt. Und das Er das Suchen des Mannes spürt, will Er ihn liebevoll mit auf seinen Weg nehmen. Bei alledem nimmt Jesus ihm seine Entscheidung nicht ab. Wohl aber will Er ihn motivieren (verlocken), in eine Richtung zu schauen, die für ihn bisher absolut und neu ist. Jesus wünscht ihm die Kraft der Begeisterung, das Los-kommen-können von den gewohnten Umständen und das Sich-ganz-hingeben in etwas Neues, auf das es ihm nun eigentlich ankommt.

Es fällt auf, dass der Schreiber dieses Evangeliums den Mann nicht mit dem Namen nennt; so darf man eine verborgene Absicht dahinter vermuten: Im Porträt dieses Mannes ist eine Grundsituation und eine Grunderfahrung jedes Menschen angesprochen. Jeder von uns kann seinen Namen einsetzen und dieses Evangelium auf der existenziellen Ebene für sich durchspielen. Und so bleibt DAS im Evangelium Erzählte nicht mehr weg, so wird dann plötzlich die Schallmauer der Vergangenheit durchbrochen. Die persönliche Erfahrung eines jeden von uns ist wichtig. Unser eigenes Leben mit seinen kleinen und großen Entscheidungen kommt ins Spiel.

„Sich einzusetzen für etwas, was uns wichtig erscheint, beschert uns die befriedigendsten Momente unseres Lebens.“ Wenn ich zutiefst erfasst habe, was mir wichtig ist und was ich wirklich will, und wenn der Antrieb da ist, auch etwas dafür einzusetzen oder gar etwas dafür zu riskieren, dann gibt das einen unglaublich starken Schub. Es gibt Energie. Es schenkt mir eine Kraft, die ich in mir vielleicht gar nicht vermutet hätte. Anderes verliert an Bedeutung. Was mir früher so wesentlich und wichtig war – ich kann nun darauf verzichten. Eine Umschichtung der Werte hat stattgefunden.

Ich glaube, genau das meinte Jesus bei dem Gespräch mit dem suchenden Mann. Was Jesus dem jungen Mann entfaltet mit dem Bild des hinderlichen Reichtums, das will auch uns sagen: Wichtig ist, dass wir innerlich frei und beweglich bleiben, dass wir gewichten, für was zu leben sich wirklich lohnt. Ob das solche äußeren Werte sein können – wie etwa Reichtum – oder ob es nicht vielmehr auf die innere Begeisterung für etwas Gutes ankommt. Nicht aus Abhängigkeit, sondern aus innerer Überzeugung und Begeisterung zu handeln, das ist das, was Jesus vorlebt und was Er hier als leuchtendes Verlockungsbild dem jungen Mann hinhält. Entscheide dich, was dir von innen her wichtig ist, und lass das Hinderliche los.

Dieser Appell kann auch uns in unserem Leben begleiten und hin und wieder zu Entscheidungen anstoßen, kann uns wach machen für die Lust am Leben, wenn es erfüllt ist von lohnendem Inhalt, der uns innerlich antreibt und Energie schenkt. Nicht immer nur etwas tun, was ich muss, sondern mich immer wieder fragen: Wo ist die kleine Schwärmerei in meinem Leben, für die zu leben es sich lohnt.

Entscheide dich, was dir von innen her wichtig ist, und lass das Hinderliche los. Amen!

Vgl. Josef Schulte, Die Kraft der Begeisterung (Ev), in: Der Prediger und Katechet 142 (2003), 767-769..