Haben Sie heute Nacht geträumt?.. Wahrscheinlich ja, denn wir Menschen träumen immer, wenn wir schlafen. Nur ist es oft so, dass wir nicht mehr wissen, was wir geträumt haben, wenn wir aufwachen. Unser Unterbewusstsein verarbeitet im Schlaf unsere Wünsche und Sorgen, unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Sehnsüchte und Befürchtungen. Manchmal verstärkt es unsere Gefühle und Erlebnisse, manchmal verkehrt es sie ins Gegenteil.
Wir sprechen auch von einem Traum, wenn ein Mensch sich etwas wünscht, dessen Erfüllung unwahrscheinlich ist. Eine Sehnsucht, ein Verlangen, ein Wunch kann ein Traum sein und ein Traum bleiben. Man träumt z.B. von einem Lotto-Gewinn, von einem Haus im Grünen, von einem liebevollen Partner, von einem langen Urlaub. Und oft bleibt es nur ein Traum, bleibt es Träumerei, weil wir wenig oder nichts tun können, um diese Illusionen Wirklichkeit werden zu lassen. Man spricht, dass ein Mensch, der sich sehr von seinen Träumen leiten lässt, ein Tag-Träumer ist. Er verliert nicht selten den Blick für die Realität, für die Tatsachen - er phantasiert.
Es kann aber auch ganz anders sein. Den Menschen, die ganz tief in Schwirigkeiten stecken, bleiben oftmals nur noch ihre Träume. Menschen, denen Not über dem Kopf zusammenschlägt, halten sich vielleicht nur noch über Wasser, indem sie von besseren Zeiten träumen. Menschen, die ein schweres Unglück getroffen hat, überstehen diese Zeit möglicherweise nur dadurch, dass sie von einer Wende träumen. Träume können also helfen, fast ausweglose Situationen zu meistern.
In genau eine Solche Situation hinein sind die Worte des Textes gesagt, die wir eben in der ersten Lesung gehört haben. Die Menschen befanden sich in in tiefer Hoffnungslosigkeit, aus der sie keinen Ausweg sahen. Wo war ihr Gott?.. Wo war Er, der versprochen hatte, bei ihnen zu sein und zu bleiben?.. Warum handelte er nicht, warum zeigte er nicht seine Macht, seine Hilfe?..
Nun verkündet der Prophet den Verzagten: „Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Er selbst wird kommen und euch erreten.“ Das sind schöne Worte, tröstliche Worte. Aber ich kann mir denken, dass die Menschen, die diese Worte hören, misstrauisch bleiben... So viel Schlimmes hatten sie schon erlebt und nun soll sich alles zum Guten wenden?.... Aber um ihre Zweifel zu zerstreuen, werden nun konkrete wesentliche Auswirkungen des Handelns Gottes genannt. Dies zeigt sich besonders bei den Schwächsten, den Kranken. Gottes Heil wird als Heilung geschildert, die den Kontrast zum Unheil bildet: die Augen der Blinden werden geöffnet, die Ohren der Tauben werden geöffnet, Lahme können nicht nur wieder gehen, sondern sogar springen wie Hirsche, Stumme können nicht nur wieder reden, sondern sogar jauchzen. Übermächtig ist das Eingreifen Gottes, seine Hilfe für die Verzagten. Und um diese Macht noch deutlicher zu machen, wird auch die Natur einbezogen: glühender Sand wird zum Teich und durstiges Land zu sprudelnden Quellen, Wasser gibt es in der Wüste und Bäche in der Steppe. All diese Ereignisse widersprechen der menschlichen Erfahrung, aber gerade deshalb werden sie zu Bildern der Hoffnung; denn für Gott ist nichts unmöglich.
Sind das aber nicht nur schöne Träume?.. Können sie Wirklichkeit werden?.. Können sie den Verzagten helfen?.. Wie als Antwort auf diese Frage wird uns im Evangelium heute die Erzählung von der Heilung des Taubstummen durch Jesus vorgelegt. An diesem Ereignis zeigt sich, dass die Träume aus der 1. Lesung die Wirklichkeit werden durch das machtvolle Handeln Gottes.
Und damit sind wir bei uns angelangt. Gerade weil dieser Text aus der 1. Lesung nicht festgemacht ist an einer bestimmten geschichtlichen Situation, gilt er auch für uns. Aber wie und wann sind wir so verzagt, dass wir uns hilflos und mutlos fühlen? Diese Frage kann jede und jeder persönlich für sich beatworten; denn nur wir selbst wissen es. Wann sind wir wie blind und sehen keinen Ausweg?.. Wann sind wir taub und hören keine Zuwendung mehr?.. Wann sind wir gelähmt und kommen nicht mehr vom Fleck (vorwärts)?.. Wann verstummen wir, weil wir nicht mehr das richtige Wort finden?.. Träumen wir dann nicht von einem klaren Blick, einem offenen Ohr, von beschwingtem Schritt oder gelöster Zunge? Träumen wir nicht davon, dass jemand uns aufmerksam zuhört, wenn wir uns unsere Ängste von der Seele reden wollen? Träumen wir auch nicht davon, dass jemand zu uns sagt: Du bist mir wertvoll, wenn wir uns selbst nicht leiden können.
(Den, der keine solchen Träume hat, kann man mit einer Wüste vergleichen. Er ist wie glühender Sand, der einem an den Füßen brennt).
Lassen wir uns nun vom Prophet sagen: Wüste kann lebendig werden, glühender Sand kann zum Teich werden – durch das machtvolle Wirken Gottes. Denn: Seht, hier ist euer Gott. In Jesus Christus ist Er gekommen und verwirklicht, wovon der Prophet träumt und wovon wir träumen.
Amen!
Vgl. Manfred Schwarzhuber, „Träume“, in: PrKat 142 (2003), 666-669.
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