„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter...,
denn der Mann ist das Haupt der Frau“
Liebe Schwestern und Brüder,
Wer solche Worte heute öffentlich ausspricht, kann sicher sein, einen Sturm der Entrüstung zu auszulösen. Frauen sind empört, prangen solche Worte als frauenfeindlich an; manche Männer stimmen vielleicht insgeheim zu, wagen aber nicht, dies öffentlich auszusprechen. Jedenfalls scheinen solche Worte nicht geeignet, eine tragfähige Basis für ein gelungenes Zusammenleben von Mann und Frau in einer Ehe aufzubauen. Diese Worte haben wir gerade in der Lesung, im Brief an die Epheser gehört, und als Gemeinde haben wir geantwortet: „Wort des lebendigen Gottes! – Dank sei Gott!“ Bevor wir aber uns innerlich gegen den Text sperren und ihn als nicht mehr zeitgemäß ablehnen, sollten wir genauer hinhören, was der Text wirklich zum Ausdruck bringt. Der Text ist zweigeteilt: Ihr Frauen, Ihr Männer. Beide Gruppen werden ermahnt. Es fällt auf, dass die Mahnung an die Frauen kürzer ausfällt als die an die Männer. Letztere ist mehr als dopplt so lang. Welche Motive den Apostel dazu geleitet haben, können wir nur erahnen. Deshalb ist es notwendig, sich auf seine inhaltlichen Aussagen zu konzentrieren. Er fordert die Unterorndnung der Frau unter ihren Mann. Dies widerspricht unseren Vorstellungen von der gleichen Würde, die allen Menschen zukommt – unabhängig von ihrem Geschlecht. Wer aber jetzt meint, er könne diesen Text vergessen und einer vegangenen Zeit zuordnen, der hat das eigentliche Anliegen des Apostels nicht begriffen. Es geht ihm nicht darum, eine in der Gesellschaft vorgefundene (ausgegrabene) Zuordnung von Mann und Frau für alle Zeiten festzuschreiben. Die damals vorherrschende patriarchale Gesellschaftsordnung gilt nicht mehr. Vielmehr möchte der Apostel das damals prägende und meist praktizierte Verhältnis von Mann und Frau mit christlichen Geist durchdringen. Das ist eine Herausforderung, vor der wir heute in gleicher Weise gestellt sind. Und deswegen bleibt der Text auch heute aktuell. Schauen wir uns dies genauer an. Schon der erste Satz lässt aufmerksam sein (aufhorchen): „Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“. Der Apostel spricht hier von einer gegenseitigen Unterordnung. Von Mann und Frau ist hier noch nicht die Rede. Der Brief ist an die „an Jesus Christus Glaubenden, die in Ephesus wohnen“ (Eph 1,1) gerichtet. Allen gilt also diese erste, allem nachfolgenden übergeordnete Mahnung – unabhängig ob Mann oder Frau. Es ist eine Aufgabe jeder christlichen Gemeinde, das Zusammenleben untereinander aus dem Geist Jesu Christi zu gestalten. „Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“.
Wie dies konkret aussieht, hat Paulus in seinen vielen Briefen immer wieder dargestellt. Da ist die Rede von gegenseitiger Achtung und dem Respekt voreinander, von Mitgefühl und Sorge für das Wohl des anderen (vgl. Phil 2, 1-5), insbesondere aber von gegenseitiger Liebe (vgl. 1 Kor 13). Das für uns so negativ besetzte Wort „unterordnen“ steht hier also für eine Haltung, die bereit ist, sich für den anderen einzusetzen und für ihn da zu sein, nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Tagen – so wie es die Eheleute einander bei der Trauung versprochen haben... Die Frau setzt sich für ihren Mann ein; sie ist um dessen Wohlergehen besorgt; sie ist ihm Stütze und Hilfe uns steht ihm zur Seite – gerade in schwierigen Zeiten. Sie ist Partnerin!
Und was haben die Männer beizutragen, damit das gemeinsame Zusammenleben gelingt? Die Forderungen, die der Apostel an die Männer richtet, unterscheiden sich faktisch kaum von denen an die Frauen: Sie sollen ihre Frauen lieben!
Auch hier liegen die Missverständnisse in den gebrauchten Worten. In unserer Alltagssprache ist Liebe ein zwar viel gebrauchtes, aber auch viel missbrauchtes Wort. In jedem Fall begegnet uns ein Verständnis, das freundschaftliche Beziehungen einschließt. Aber auch dies ist nur ein Apsekt dessen, was Liebe ausmacht. Liebe ist auf das Wohl des Anderen bedacht, ist für den Anderen bzw. die Andere da; sie ist langmütig und gütig, sie ereifert sich nicht, prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Mit solchen Worten umschreibt Paulus die Liebe im Ersten Korintherbrief (vgl. 1 Kor 13,4). So kann der Epheserbrief letzlich die Aussage wagen: Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst (Eph 5,28). In gleicher Weise lässt sich heute auch umgekehrt sagen: Wer seinen Mann liebt, liebt sich selbst. Was kann besser zum Gelingen einer Beziehung beitragen als solch eine Haltung? Beide, Frau und Mann, wissen sich aufeinander bezogen; sie spüren, dass diese Beziehung tiefer geht als die Beziehung zu den eigenen Eltern. Sie wissen, gemeinsam sind sie eins. Und dieses Einssein gelingt „in der Ehrfurcht vor Christus“ (Eph 5,21). Als Christen können wir diese unsere Beziehung leben aus der Überzeugung, Christus alles zu verdanken und ihm verpflichtet zu sein. Deshalb greift der Apostel auch die Beziehung zwischen Christus und der Kirche auf und wendet dieses Bild auf die Beziehung zwischen Frau und Mann an. Er gibt damit der Ehe eine neue, bis dahin unbekannte Qualität. Wie Christus mit der Kirche aufs innigste vereint ist, so sind Mann und Frau aufeinander verwiesen und leben für- und miteinander. Die Grundhaltung der Liebe ist also das einende Fundament, hinter dem alle gesetzlichen Bestimmungen und gesellschaftliche Konventionen letzlich zweitrangig werden. Das Zusammenleben (in der Ehe) aus dieser Grundhaltung heraus gestalten, das ist die Aufgabe, die uns heute neu aufgegeben ist.
Amen!
Vgl. Rainer Dillmann, Christlich gelebte Ehe – ein alter Zopf?, in: PrKat 145 (2006), 639-643.
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