Liebe Schwestern und Brüder,
die folgenden Sätze haben Sie schon sicherlich in irgendeiner Form gehört:
- „Keine Strasse ist lang mit einem Freund an deiner Seite“
- „Freunde kannst Du Dir aussuchen, Verwandte nicht!“
- Freundschaften musst Du in jungen Jahren schließen und über die Jahre pflegen.“
Solche Sätze umschreiben in wenigen Worten, wie kostbar Freunde sind. Wirkliche Freunde kann man sich natürlich nicht kaufen, Freundschaft kann man nicht einfordern oder als festen Besitz verbuchen. Freundschaft ist ein gegenseitiges Geschenk, Freundschaft wächst, manchmal langsam, manchmal unglaublich schnell; sie kann aber auch zerbrechen...
Und Jesus selbst nennt seine Jünger Freunde (dieses Wort werden wir am kommenden Sonntag hören). Diese Freundschaft ist ein Geschenk an seine Jünger. Es ist nicht mehr das Oben und Unten von Lehrer und Schüler, von Meister und Jünger. Gott ist Mensch geworden, um uns dieses Miteinander auf gleicher Augenhöhe zu schenken. In seinem Sohn bietet er uns seine Freundschaft an: das können wir zwar nicht verstehen, aber wir können in Jesus spüren, dass diese Freundschaft, die Gott uns schenken will, ihre Wurzeln in der Liebe Gottes hat. Seine Liebe offenbart sich in seinem Sohn, der die Verlorenen sucht, die Kranken heilt, mit den Sündern und Zöllnern Mahlgemeinschaft hält, sich mit ihnen solidarisch macht bis in die Schande des Kreuzestodes. So wie Jesus den Menschen begegnet, so bietet Gott jedem schwachen Menschen – und das sind wir alle auch – seine Freundschaft an.
Im Bild des Weinstocks zeigt uns Jesus, dass aus dieser Freundschaft wirklich etwas Großes erwachsen kann: sie kann Früchte der Liebe bringen. Wenn wir uns der Liebe Gottes öffnen, die Gott uns in seinem Sohn schenkt, dann kann diese Liebe ungeahnte Kräfte in uns freisetzen. Was das für Kräfte und Möglichkeiten sein können, vermögen wir zu erahnen, wenn wir erleben, wie ein Mensch, der verliebt ist, aufblüht; mit neuem Schwung kann er sein Leben in die Hand nehmen, weil er sich geliebt weiß und einen Menschen hat, für den er lebt und für den er dieses oder jenes tut. Was da passieren kann, das können wir an den heiligen Menschen sehen: Getroffen von der Liebe Gottes setzen sie oft genug ihr eigenes Leben aufs Spiel, um die Ärmsten der Armen, um pestkranke und sterbende menschliche Liebe und Nähe – und darin Gottes Liebe und Nähe – erfahren zu lassen. (Erinnern wir uns an Mutter Teresa von Kalkutta!).
Dann ist das Gebot, von dem Apostel Johannes in seinem Brief spricht, das neue Gebot, das Jesus seinen Jüngern gibt, etwas ganz Anderes, als ein Gesetz im juristischen Sinn. Es ist viel mehr eine Auf-Gabe, die aus der der Gabe erwächst. Diese Aufgabe lässt sich nie erschöpfend erfüllen, weil sie nie abgeschlossen ist, so wie die Quelle der Gabe auch nicht versiegt. Vorausgesetzt, wir bleiben mit der Quelle – der Liebe Gottes – in Verbindung.
Für uns heißt es konkret: Wie die Rebe nur zur Frucht heranreifen kann, wenn sie den Trauben, den Saft und die Kraft weitergibt, die sie vom Rebstock bekommt, so sollen wir – als Jesu Freunde – die Liebe weitergeben, die Gott uns in seinem Sohn schenkt.
„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!“ - sagt Jesus seinen Jüngern (Mt 10, 8). Dieses Wort muss auch uns herausfordern,
- umsonst weiterzugeben, weil wir selber unverdient empfangen,
- neu zu vergeben, weil wir selbst Vergebung erfahren dürfen,
- nach dem zu fragen, was der andere braucht, und nicht was er verdient,
- und die Enge des eigenen Herzen zu überwinden, im Blick auf das Übermaß der Liebe Gottes.
Dabei kann ein Bild einer großen Brunnenanlage helfen:
- Jedes Becken empfängt – und gibt weiter.
- Es gibt ab – und wird doch nicht leer,
- Es empfängt immer neu – mehr als es fassen kann.
So können auch wir, Liebe Schwestern und Brüder, die Liebe Gottes zwar nicht fassen; doch wenn wir uns immer wieder darauf besinnen, wie reich wir von der Liebe Gottes in unserem Leben beschenkt werden, dann sollte es uns leichter fallen, in freigiebiger Liebe weiterzugeben – und damit Frucht zu bringen aus unserer Freundschaft mit Jesus. Amen.
Vgl. Hans-Thomas Patek, Die Freundschaft mit Jesus lässt uns Frucht bringen (2.L / Ev), in: PrKat 145 (2006) 383-385.
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