Dienstag, 24. März 2009

„Wo Menschen sich vergessen...“

Liebe Schwestern und Brüder, 

Der Lebensdurst ist in jedem Menschen groß! Wir alle wünschen uns ein volles, erfülltes Leben. Wir sehnen uns nach Glück, nach Liebe; wir möchten unsere besten Kräfte und Möglichkeiten entfalten.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ – sagt ein Sprichwort. So greifen Menschen nach dem Leben, versuchen, es an sich zu reißen: „Ich will etwas vom Leben haben; ich will mich selbst verwirklichen!“ Nach diesem Motto leben heutzutage Viele. Oft müssen die Betroffenen dabei aber eine tragische Erfahrung machen: Je heftiger sie das Leben an sich reißen und es festhalten wollen, desto rascher zerrinnt es ihnen zwischen den Fingern... In manchen Gesprächen mit Menschen, die so dem Leben nachgejagt waren, kann man feststellen: Gerade durch ihre selbstbezogene Lebensgier haben sie oft das, was ihr Leben tatsächlich hätte lebenswert machen können, zerstört. Z.B. Liebesbeziehungen zerbrechen häufig daran, dass die Partner darin hauptsächlich ihre eigene Entfaltung suchen, hohe Erwartungen aneinander richten, aber dabei nicht bereit sind, etwas zu geben. Wer nur an sich selbst denkt, missbraucht die anderen und zerstört damit die Beziehungen. Wir können ein erfülltes Leben nur als Geschenk empfangen, nicht erzwingen. Wenn wir es an uns reißen wollen, können wir schnell das Glück zerstören...
Es gab jemanden, der überhaupt nicht sich selbst gesucht, sondern vorbehaltlos und grenzenlos sein Leben verschenkt hat: Jesus. Er widmete den Menschen seine ganze Kraft, seine Zeit, seine Liebesfähigkeit – und am Ende opferte er sein Leben, gab sich freiwillig in den Tod hinein. Er konnte das, weil er aus dem Herzen Gottes kam: Gott selbst ist so! Er ist Leben, das sich verschenkt. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab!“ (hören wir heute im Evangelium). Jesus selbst brachte diesen „göttlichen Lebensstil“ auf die Erde; er lebete ihn selber vor. Menschen fanden in der Begegnung mit ihm Heilung, Versöhnung und neuen Lebensmut. Darum war auch das Sterben Jesu am Kreuz kein Untergang, sondern Höhepunkt seines Lebens (sogar seine „Erhöhung“, wie das Johannes-Evangelium berichtet); hier besiegte Jesus den äußersten Feind allen Lebens: den Tod. Das Leben, das Jesus zu geben versteht, ist darum „ewiges Leben,“ d.h. Fülle des Lebens schon hier und jetzt, und über die Grenze des Todes hinaus.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Anteil an diesem „ewigen Leben – Leben ohne Ende“  gewinnt, wer an Jesus glaubt und ihm nachfolgt. Solcher Glaube äußert sich unter anderem darin, dass man seine eigene Lebenseinstellung, seine Lebensweise von Jesus prägen lässt – dass man lebt wie er: sich selbst vergessen, um sein Leben an die Mitmenschen zu verschenken, statt nur das eigene, ganz persönliche Glück an sich reißen zu wollen. 
Gewiss wird es jede und jeder als großes Wagnis empfinden, sich auf eine solche Art des Lebens einzulassen. Man mag sich fragen: Wo bleibe ich?.. Werde ich nicht untergehen, wenn ich nur mich verschenke?.. Werde ich am Ende dabei nur ausgenutzt?.. Ja, Jesus ist auch dabei „untergegangen“. Es ist (wirklich) eine Sache des Glaubens – des österlichen Glaubens an den lebendigen Jesus, der Untergang und Tod, und alles Scheitern überwunden hat.
Wer sich, im Vertrauen auf Jesus,  einlässt auf ein Leben für Andere, der erfährt, dass dann eine Überfülle an Leben zurückkommt – dass ihm wahrhaft das Leben geschenkt wird, sogar dann noch, wenn er sich – menschlich gesehen – aufopfern muss. (Im jeden Fall ist es ein Sprung ins Ungewisse, denn ob von Anderen etwas zurückkommt, lässt sich nicht errechnen und nicht erzwingen; immer bleibt das ein Geschenk).
An solchem konkretverwirklichten Glauben an Jesus ereignet sich (darum) das Gericht über Sinn oder vielleicht Sinnlosigkeit eines Menschenlebens... Vom „Gericht“ ist im Evangelium dieses Sonntags viel die Rede – ohne dass jedoch irgendjemand (auch nicht Jesus oder Gott) als „Richter“ auftritt. Das Gericht geschieht vielmehr durch die Lebensweise selbst, der ein Mensch sich verschrieben hat. 
Wer nämlich nicht glaubt, mag Tag für Tag und Jahr für Jahr dem Leben nachjagen; am Ende kann er aber mit leeren Händen und einem ettäuschten Herzen da stehen. Wer aber die Hingabe im Glauben wagt, entdeckt die wahre „Kunst des Lebens“: sich verschenken und sich beschenken lassen, sich hingeben und empfangen. 
Was Einem dabei geschenkt wird,
 ist meistens viel kostbarer als alles, was man dafür geopfert hat, und reicher als alles, was man hätte erzwingen können. 
 Amen.


Vgl. Wilhelm Schäfer, „... damit sie das Leben haben“, in: Der Prediger und Katechet 145 (2006) 263-265.

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