Sonntag, 15. Februar 2009

„Deutschland sucht den Superstar“


Liebe Schwestern und Brüder, 

„Deutschland sucht den Superstar“ ist schon seit langem eine beliebte Fernsehsendung (und zwar nicht nur bei der Jugend). Durch diese und ähnliche Sendungen werden bis dahin unbekannte Menschen zu Stars. Anhänger dieser Stars versuchen, diese oft nachzuahmen und sie als Vorbild zu nehmen (manchmal ohne darüber lange nachzudenken). Das Phänomen, Vorbild zu sein, ist aber nicht nur eine Erscheinung unserer Zeit. Schon vor knapp 2000 Jahren bringt sich der Apostel Paulus selbst als Vorbild, indem er ruft: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (Der letzte Satz der 2. Lesung). Paulus glaubt, sich als Vorbild empfehlen zu können, weil er sich Christus zum Vorbild nimmt. Paulus betont in vielen seiner Briefe, eine besondere Beziehung zu Christus zu haben. Dies drückt er dadurch aus, dass er den Titel „Apostel“ für sich in Anspruch nimmt (weil Jesus ihm im Damaskuserlebnis ganz nahe gekommen ist [vgl. 1 Kor 9,1]). Außer Paulus werden mit diesem Titel nur die Personen genannt, die Jesus während seiner irdischen Lebenszeit zum Vorbild genommen und seinen engsten Jüngerkreis gebildet haben. 
Damit  jemand ein Vorbild sein kann, ist es also nötig, dass man diese Person zumindest in bestimmten Details auch näher kennt. Paulus hat sich schon zwar vor dem Erlebnis vor Damaskus mit Jesus und seinen Anhängern beschäftigt; jedoch waren da weder Jesus noch seine Anhänger Vorbilder, sondern Gegner, die von Paulus wörtlich verfolgt wurden. Erst dieses Bekehrungserlebnis vor Damaskus lässt Christus für Paulus zum Vorbild werden...
Ein Vorbild versucht man oft nachzuahmen. Dies kann in äußeren Dingen sein; aber auch in der Lebensführung – im Lebensstil. Während seines Lebens als gläubiger Christ schöpft Paulus seine Kraft und Autorität aus dem Glauben. Er folgt auch im Extrem seinem Vorbild, so dass er wegen seines Glaubens sogar getötet wird...
All das ist für uns nicht einfach zu verstehen und noch schwieriger nachzuahmen. Können denn Menschen überhaupt als Vorbilder dienen, die getötet werden (und auf den ersten Blick scheitern?)...  Solche oder ähnliche Fragen können uns zu grundsätzlichen Überlegungen führen, was denn ein Vorbild als solches auszeichnet... Oft kann man bei manchen Stars aus Musik, Sport (oder Politik) erleben, dass sie in ihrem Bereich gefeiert sind, aber z.B. in ihrem Privatleben nicht unbedingt korrekt sind. Die Erkenntnisse der modernen Soziologie und Psychologie lehren uns, dass nicht die allgemein bekannten Menschen die wirkungsreichen Vorbilder sind. Vielmehr sind nach diesen Erkenntnissen (jetzt Achtung[!]) die eigenen Eltern die wichtigsten Vorbilder jedes Menschen. Denn an den eigenen Eltern kann man am besten sehen, wie sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und so dann leichter die eigenen Herausforderungen meistern.
Stellen wir uns eine entscheidende Frage: Ist heute die Empfehlung des Paulus noch zeitgemäß, ihn als Vorbild zu nehmen?..
Sicher sind unsere Lebensumstände mit denen  der damaligen Adressaten des Paulus Briefes in vielen Punkten kaum zu vergleichen. Dennoch bin ich überzeugt: Die Aufforderung des Paulus kann auch für uns heute wertvoll sein. Denn der Apostel möchte ja nicht in Äußerlichkeiten wie Kleidungstrends (o.ä.) als Vorbild genommen werden, sondern hinsichtlich seiner inneren Einstellung. Diese Einstellung basiert auf einen ganz festen Glauben. Paulus meistert die Herausforderungen seines Lebens durch seinen Glauben und durch sein Christus zum Vorbild nehmen. Er fühlt sich Christus so nahe, wie sich Kinder ihren Eltern nahe fühlen. Daher kann uns Paulus hinsichtlich der Verbundenheit mit Christus ein Vorbild sein.
In  diesem Vertrauen findet Paulus dann Halt und die innere Sicherheit, auch sein früheres Fehlverhalten der Christusverfolgung anzusprechen (vgl. 1 Kor 15,9). Er kann sich seiner dunklen Vergangenheit stellen, weil er durch sein Vorbildnehmen an Christus Gottvertrauen gelernt hat. In einer Welt, in der viele glauben, sich nur immer vor der besten Seite zeigen zu müssen, kann die Einstellung des Paulus ein hilfreicher Gegenentwurf sein. Auch wir dürfen im Vertrauen auf Gott eigenes Fehlverhalten ansprechen, weil sowieso Gott uns nahe sein will... Auch wenn uns Christus nicht so direkt begegnet wie dem Paulus vor Damaskus und wir uns nicht zu diesem engen Kreis der Apostel zählen, so können wir doch von dem Apostel der Völker lernen, dass Christus in das Leben einzelner eingreift. Aber wie?..
Aus der Begegnung mit Christus vor Damaskus nimmt Paulus die nötige Kraft für die Anfeindungen von Christen und Nichtchristen gegen ihn (Paulus). Von ihm können wir also wahrnehmen, was für eine große Kraft in einem Leben aus dem Glauben steckt.
Liebe Schwestern und Brüder,
Paulus möchte nicht zu seiner eigenen Ehre Vorbild sein, sondern auf sein Vorbild, auf Christus, verweisen. So ist es Paulus wichtig, dass er bei all dem, was er tut, in der Einheit mit anderen gesehen wird. (vgl. 1 Kor 1,12f.). So möchte er auch uns darin bestärken, gemeinsam mit anderen im Glauben zu stehen und in Christus das Vorbild zu sehen(!)
Meistens sind die Superstars aus Fernsehen, Musik oder auch Sport nur begrenzte Zeit bekannt und mit Vorbildcharakter versehen. Paulus dagegen hat von sich aus diesen Anspruch nicht nur für eine bestimmte Zeit, sondern universell – für uns alle - über alle Zeit. Amen.



Vgl. Martin Gall, „Nehmt mich zum Vorbild“, Zur 2. Lesung: 1 Kor 10,31-11,1, in: Praedica Verbum 114 (2009) 82 - 85.

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