Sonntag, 25. Januar 2009

Bekehrung des Apostels Paulus

Liebe Schwestern und Brüder, 

"Da wird einer vom Saulus zum Paulus." sagen manche, wenn ein Mensch sich um 180 Grad dreht, wenn es in seinem Leben zu einer radikalen Wende kommt, wenn es vom Gegner zum Befürworter einer Sache wird. 
Der Evangelist Lukas erzählt heute in der Apostelgeschichte (Kapitel 9), wie Saulus zum Paulus wird, wie aus dem fanatischen Christenverfolger – (so würden wir sagen) ein entschiedener Christusverkündiger wird. 
Saulus macht eine Wendung um 180 Grad. Das ist richtig so. 
Übrigens Lukas verwendet den 2. griecheschen Namen - Paulus erst später, von der sog. 1. Missionsreise an (ab Apg 13,9), ab dem Zeitpunkt also, wo Paulus den jüdischen Raum verlässt und in den griechisch sprechenden Mittelmeerraum hinausgeht, um in der Ferne das Evangelium zu verkündigen (mit den Worten: „Saulus, der auch Paulus heißt“). Paulus war also ein geborener Saul, hebräisch Scha'ul, ein Jude, der aber auch das römische Bürgerrecht hat. Er hieß Saul, so wie der erste König von Israel. Saulus ist nur die griechisch-lateinische Form dieses hebräischen Namens. Doch wie es bei den Gebildeten der damaligen Zeit Brauch war, gab er sich oder gab man ihm einen griechischen Beinamen: Paulus, auf deutsch "der Kleine", (wahrscheinlich aufgrund seiner Gestalt).
Paulus erlebt also eine große Lebenswende. Er ändert seine Lebenseinstellung radikal, so wie es auch heute manche Menschen erleben, z.B.: 
- Gesundheitlich, wenn jemand ein Laster, eine ungesunde Gewohnheit aufgibt: wenn ein Raucher zu einem Nichtraucher wird; wenn ein Alkoholiker keinen Schluck mehr anrührt; wenn einer, der bis zum Herzinfarkt oder Schlaganfall über seine Verhältnisse gelebt hat, nun auf einmal seine Grenzen bewusst einhält. 
- Oder auch in einem moralisch Sinne, wenn jemand in seinem Reden und Tun ein schlechter Mensch war, sich um die anderen nicht geschert und nur seinen Vorteil gesehen hat, und nun ein ganz anderer wird. 
- Oder auch im geistlichen Sinne, wenn jemand von einem Gottesleugner oder Gottesverächter zu einem Glaubenden wird. Wenn einer stolz meint, er selber sei der Herr seines Lebens, und muss dann erkennen: Leben ist Geschenk.
Fanatisch, eifernd und überzogen macht Saulus Jagd auf die Christen. Man nennt sie "Anhänger des neuen Weges". Sie wurden vor die Alternative gestellt, entweder ihrem neuen Weg, dieser „Sekte“, abzusagen oder ins Gefängnis zu gehen. So eifernd war Saulus, dass er die Christen von Jerusalem aus bis ins 200 km entfernte Damaskus verfolgt... (Damaskus war damals eine Großstadt mit etwa 100000 Einwohnern; heute ist dies Hauptstadt von Syrien mit über 2 Millionen Menschen).
Und dann wie "aus heiterem Himmel" dieses Erlebnis vor der Stadt. Als "Damaskuserlebnis" ist es auch bei manchen sprichwörtlich geworden:
Paulus erlebt eine totale Erschütterung. Er erlebt einen totalen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Geblendet, geschockt, verwirrt, orientierungslos, völlig durcheinander, drei Tage unfähig, zu essen und zu trinken. Paulus erlebt vor Damaskus eine blendende Lichterscheinung und er hört eine Stimme. Man weiß nicht genau, was wirklich geschehen ist. Die Umstehenden begreifen davon nicht viel. Und auch mit seinen eigenen Worten beschreibt es Paulus in seinen Briefen nicht näher. Von einer direkten Begegnung mit dem auferstandenen und lebendigen Christus berichtet er: "Gott hat seinen Sohn in mir offenbart." sagt er im Galaterbrief (Gal 1,16). 
In diesem Moment damals vor Damaskus hat Paulus noch nichts begreifen können. Wie bei jedem erschütternden Erlebnis herrschen erst Schock und Versteinerung. Andere wollte er fesseln; nun ist er selber von diesem Jesus gefesselt. Andere wollte er überwältigen; nun hat dieser Herr ihn überwältigt. Andere wollte er wegführen; nun muss er blind und hilflos selbst an der Hand geführt werden. Er wollte das Sagen haben; nun muss er zuhören, wie man ihm in Gottes Auftrag dieses Erlebnis deutet.
Paulus braucht nun christlichen, seelsorgerlichen Beistand. Alleine kann er sein niederschmetterndes Erlebnis nicht verarbeiten. Man führt ihn in ein christliches Haus. Man deutet ihm, was er erlebt hat, und wem er da begegnet ist. Und am Ende fällt es ihm wie Schuppen von den Augen.

"Und die Moral von der Geschichte?..." So enden manchmal Märchen. Eine Moralpredigt können wir aus dieser Erzählung aber auf keinen Fall machen, das ist kein Märchen. Also: Begreifen wir es , dass wir uns  180 Grad dank Gottes Hilfe – Gnade „drehen“ können. Schauen wir, ob wir vielleicht eine  ähnliche Bekehrung erlebt haben oder noch vor uns haben. Bei einer solchen Lebenswende ist allein Gott der Handelnde. Das steht in dieser Geschichte eindeutig. Aus eigener Kraft gibt es keine radikalen Lebenswenden. Man kann sie nicht machen. Man kann sie sich höchstens wünschen und schenken lassen.
Wenn es eine Lehre aus dieser Geschichte gibt, wenn man sie nicht einfach nur als Erlebnis des Paulus stehen lassen will, dann vielleicht ist es das:  Es gibt solche niederschmetternden Erlebnisse auch heute hin und wieder. Es gibt auch heute solche Zusammenbrüche. Aber es ist die Frage, wie man mit ihnen umgeht: rechnet man damit, dass durch ein solches Erlebnis, das klein, schwach und hilflos macht, Gott etwas zeigen will und kann? Geht man anschließend nicht gleich wieder zur Tagesordnung über, ohne daraus zu lernen und es zu verarbeiten.  
Liebe Schwestern und Brüder, Schämen wir uns nicht, in diesem Moment wie bei Paulus seelsorgerliche Hilfe, Gebet, Segnung anzunehmen, weil  so etwas auf keinen Fall alleine zu verkraften möglich sei. Amen.


Vgl. Evang.-Luth. Pfarramt Auferstehungskirche, Die Predigt vom 29. August 2004 (12. Sonntag nach Trinitatis): »Wenn sich einer um 180 Grad dreht«, in: http://www.predigtn.de/626.htm (29.08.04) 

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