Samstag, 11. Oktober 2008

"Häng dein Herz nicht daran, dass du nicht daran gebunden bist"

Liebe Gäste,

Wenn man die Briefe des Apostels Paulus liest, dann kann man überall feststellen, dass dieser Mann eine unglaubliche Freiheit besessen hat. Ein Beispiel: wenn es um die Frage des Sterbens geht. Wie viele Menschen haben heute Angst davor, im Sterben dem Tod ins Auge zu sehen. Und dazu sagt Apostel Paulus mit einer großen Selbstverständlichkeit: "Das Sterben ist für mich Gewinn, weil das Leben für mich Christus ist." (Phil) Das Sterben ist für mich Gewinn! Was für eine Freiheit, mit der er dem Tod ins Auge sehen kannJ
In der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief wird diese Freiheit des Apostels Paulus an einem anderen Punkt sichtbar, wo die meisten Menschen, auch die meisten Christen, gerade unfrei sind. Es geht um die Frage nach unserem Verhältnis dem Geld, dem Besitztum, dem Lebensunterhalt gegenüber.
In der Zeit, als der Apostel Paulus den Philipperbrief schreibt, sitzt er im Gefängnis, vermutlich in Ephesus in der heutigen Türkei. Die Gefängnisse damals waren nicht wie die Gefängnisse heute mit Fernsehen und allem relativen Luxus. Damals waren die Gefängnisse in Fels gehauene Löcher, wo Ratten herum liefen...
Die Philipper hatten eine größere Geldspende dem Apostel Paulus ins Gefängnis geschickt durch Epaphroditus. Am Ende seines Briefes an die Philipper bedankt sich Paulus für die Geldspende, die er bekommen hat. Mitten in diesen schlichten Dankesworten für die große Geldspende schreibt der Apostel Paulus ein paar Sätze über den Umgang mit Geld und Besitz. Da schreibt er: "Ich kann Entbehrungen ertragen; ich kann im Überfluss leben. Ich kann satt sein, und ich kann Hunger leiden. Ich kann Überfluss haben, und kann Entbehrungen ertragen."
Man muss sich einmal vorstellen, was das mitten in einer Welt bedeutet, wo alles darauf ankommt, das man etwas haben will. Dazu schreibt der Apostel: Ich kann Mangel leiden, ich kann Not haben, ich kann Hunger leiden. Das macht mir überhaupt nichts aus. Er schreibt das nicht mit einem verkniffenen Gesicht, sondern mit einer ganz großen Gelassenheit: Ich kann Entbehrungen ertragen.
Die meisten Menschen sind an diesem Punkt nämlich nicht ganz frei. Immer muss man noch mehr haben. "Je mehr er hat, je mehr er will", sagt ein Sprichwort. Diese Habsucht des Herzens ist letztlich nie zufrieden. Heute hängt bei vielen Menschen die Lebensqualität von dem ab, was man hat. Wenn man reich ist, hat man größere Chancen in der Welt und mehr Möglichkeiten.
Und wiederum sagt uns dann Paulus: Meine Lebensqualität hängt nicht vom Besitztum ab. Wenn ich Hunger leiden muss, wenn ich Entbehrungen ertragen muss, dann bleibe ich trotzdem heiter und gelassen. Der Grund für diese Freiheit liegt darin, dass Paulus sagen kann: "Alles vermag ich durch den, der mir Kraft gibt, nämlich durch Christus." Seine Lebensqualität ist nicht davon abhängig, ob er gerade viel hat. Seine Lebensqualität hängt davon ab, dass er in Christus verwurzelt bin. Und deswegen kann er Hunger leiden, Überfluss haben, er kann alles mit Christus.
Liebe Schwestern und Brüder,
Es gilt für Paulus noch etwas anderes. Er kann - und da sind wir Christen auch oft in einer falschen Weise gebunden -, Paulus kann in gleichem Atemzug schreiben: "Ich kann Überfluss haben, ich kann satt sein." Für nicht wenige Christen ist das ja aucht so: Ein guter Christ ist man dann, wenn man sich seines Besitzes schämt oder wenigstens ein schlechtes Gewissen hat. Wenn man viel besitzt, dann ist das schon verdächtig. Aber das ist Unsinn! Paulus sagt: "Ich kann auch Überfluss haben." Und man hat ihm ja gerade eine große Spende gebracht.
Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn Gott uns mit Reichtum und Überfluss gesegnet hat. Die großen Gottesmänner des Alten Testamentes waren alle die reichsten Menschen ihrer Zeit. Reichtum gilt in der Bibel als ein Zeichen des göttlichen Segens. Und wenn Gott einem Menschen Reichtum geschenkt hat, auch heute, dann soll er sich nicht ein schlechtes Gewissen machen lassen etwa nach dem Motto: "Eigentlich müsstest du ja alles abgeben, wo es so viel Hunger in der Welt gibt." Nein, die Bibel sagt uns: Genieße in Schlichtheit und Dankbarkeit das, was Gott dir geschenkt hat. Aber, und jetzt kommt ein wichtiges Aber: Häng dein Herz nicht daran, dass du nicht daran gebunden bist. Wenn dir einmal alles genommen wird, dann fang an, wie der Apostel Paulus zu sagen: "Ich kann Überfluss haben, aber ich kann auch Mangel leiden. In alles bin ich eingeweiht. Alles vermag ich in dem, der mich stärkt, in Christus."
Jesus hat in der Bergpredigt, in den Seligpreisungen nicht gesagt: "Selig sind die, die nichts auf der Tasche haben, oder die nichts mehr auf dem Konto haben", sondern Jesus hat gesagt: "Selig die Armen im Geist" Das bedeutet: "Selig sind jene, die den Geist der Armut haben". Ich kann viel auf der Tasche haben und kann trotzdem den Geist der Armut haben, wenn ich mein Herz nicht an den Besitz gehängt habe, wenn ich dankbar sein kann.
Und eins werden Sie in dem Zusammenhang immer wieder erleben: Solche Menschen können auch großzügig sein, wenn es darum geht, den Anderen mitzugeben.
Nun ist der Apostel Paulus ja weit weg, und der kann große Briefe schreiben. Aber ich will zum Schluss ein Beispiel erzählen, wo das gleiche im Fernsehen berichtet wurde. Sie haben mal im Fernsehen die großen Überschwemmungskatastrophen miterlebt, in Bayern, in Österreich und in vielen Ländern: Vielen Menschen war alles genommen worden, die dann praktisch vor den Nichts standen.
Da konnte man im Fernsehen eine Szene sehen, da sagte ein Mann vor seinem total zerstörten Haus dem Reporter: "Wir haben nichts mehr. Unser Geschäft ist weg, unser Haus ist weg, nichts mehr da." Und dann sagte er dem Reporter nur einen ganz schlichten Satz: "Ich bin gespannt, wie Gott uns jetzt durchbringt." Da wusste der Reporter nichts mehr zu sagen. "Ich bin gespannt, wie Gott uns jetzt durchbringt." Und er sagte dies nicht mit einem verkniffenen Gesicht, sondern mit der gleichen Gelassenheit, die auch aus den Worten des Apostels Paulus klingt.
Wie Paulus sagt: "Alles vermag ich in dem, der mir Kraft gibt, in Christus." Amen

Vgl. Pfarrer Karl Sendker, Predigten, in:
http://www.karl-sendker.de/28__sonntag_a.htm#Phil%204,12-14.19-20
(Stand: 29.09.2008)

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