Freitag, 8. August 2008

Umgang mit der Angst

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, Liebe Mitfeiernde,
Das Hauptthema ist für uns heute klar - Freude: Freude am Pfarrfest, Freude am Wochenede, Freude am Zusammentreffen. Und das ist gut so. Aber verstehen wir das gut, dass Gott uns heute durch die Lesungen sagen will, wie wir nicht mit Freude, sondern erstaunlicher Weise mit Angst umgehen könnnen! (Mit Freude ist es einfacher, dazu brauchen wir keine Anweisungen).Paulus beschreibt im Römerbrief (9) seine Furcht von der Seele, er meint: das von Gott erwählte Volk Israel, seine Glaubensbrüder, können Jesus übersehen und dabei nicht bemerken, was sie verpassen: dass in ihm das Heil für alle Welt sei, dass sich in ihm Gott zu erkennen gebe und nicht mehr ein ferner Gott sei, dass das Warten auf den Erlöser-Messias ein Ende habe. Darunter leidet der Apostel, das macht ihn traurig, und er hat Angst davor, dass seine ganzen Anstrengungen umsonst gewesen sein könnten.
Ganz ähnlich ist es in der ersten Lesung beim Propheten Elija. Der verkündeten Stelle voraus geht sein Wunsch zu sterben, weil er keinen Sinn mehr im Leben sieht. Da er sich noch zum Gottesberg Horeb aufgemacht hat, erzählt Prophet von seinem letzten Mut, der Angst noch etwas entgegen zu setzen, der Angst, das eigene Leben vernichtet zu haben und vor Gott nicht bestehen zu können. Was sich in der Gottesbegegnung dann vor der Höhle auf dem Berg abgespielt hat, das können wir nur erahnen. Die provozierten Naturgewalten lassen es nahegelegen sein, dass Elija um sein Leben bangte, und trotzdem ausgehalten hat, die Begegnung mit sich selbst und mit seinem Gott.
Allen voran handelt das heutige Evangelium von der Angst, in dem sie sogar zweimal namentlich ausgesprochen wird. Die Jünger im Boot haben gemeinsam Angst, so große Angst, dass sie zu schreien beginnen. Auch Petrus allein auf dem See bekommt Angst und ruft Jesus um Hilfe an. Gibt es dazu wirklich einen Grund?.. Die Frage nach dem "Warum?" von Angst ist im allgemeinen nicht sehr ergiebig und hier schon gar nicht hilfreich. Angst tritt zumeist spontan auf, überraschend, unerwartet, deshalb ist sie auch mit Erschrecken verbunden. Nur weg von hier; aber das geht eben meistens auch nicht. Verurteilt sind wir, den Schrecken auszuhalten, der Angst ins Auge zu blicken. Und wahrscheinlich ist das (wie bei Elija) auch der einzige Weg überhaupt mit Angst umzugehen.
Die Situationen im Boot auf dem See und die auf dem Berg können eigene Erfahrungen in uns wecken - Ängste, wie wir sie aus eigener Anschauung kennen. Drei von ihnen möchte ich nun nennen:
Zunächst die Angst, allein zu sein, einsam, ohne ein verläßliches Umfeld, den Boden unter den eigenen Füßen zu verlieren. Von frühester Kindheit an gibt es diese höchst existenzbedrohende Angst in uns: Ob die Mama mich wirklich lieb hat, ob der Papa auch wirklich wieder nach Hause kommt - und das dazu gehörende Erschrecken, wenn die Eltern länger ausbleiben als angekündigt. Später ist es wohl mehr die Angst, den Partner zu verlieren und auf einmal alleine dazustehen. Oder die Isolation in einer Gruppe, in der man sich nicht angenommen fühlt. Vielleicht der Schrecken, bei allen ach so guten Freundschaften plötzlich doch mutterseelenallein zu sein, weil die Beziehungen so wenig tragen, wie das Wasser, auf dem Petrus steht, weil sie nur scheinbar verläßlich sind.
Dann: Die Angst vor dem Neuen, Unbekannten, dem Fremden. Die Jünger sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie im Ungeahnten eine Bedrohung erleben müssen. Was da von außen auf sie zukommt, muss etwas Furchtbares sein, und so fürchten sie sich, geraten in Panik, das ist der Fluchtpunkt jeglicher Angst. Ihre Sinne, ihr gesunder Menschenverstand versagt. So irrational und angstbesetzt reagieren Menschen häufig. Z.B. in der Konfrontation mit einer neuen Aufgabe, die wir ablehnen, noch bevor wir sie überhaupt begriffen haben. Veränderungen, Ortswechsel, neue Kollegen - sie machen uns grundsätzlich Angst, ohne die Chancen, die in ihnen stecken können auch nur anschauen zu wollen. So verpassen die Jünger um Haaresbreite ihren Herrn und Meister. So verpassen wir im Neuen wohl häufig genug Gottes Wege in unserem Leben. Weil die Angst uns lähmt.
Und drittens: Die Angst zu versagen, nicht zu genügen, den Ansprüchen anderer nicht, aber auch nicht den eigenen inneren Vorstellungen, dem Bild, das ich mir von mir selbst gemacht habe. Womöglich ist das der tiefste innere Anlass bei Petrus und Elija für deren Angstattacke. Dort hat sie es besonders leicht, die Angst, uns manipulierbar und letztlich wehrlos zu machen, an den Projektionen der eigenen Empfindlichkeiten und Sehnsüchte: Ich will gut sein. Ich will es recht machen. Ich will besser sein als andere. Ich will fromm, klug, schnell genug sein. Ich will mutiger sein als die übrige Welt. Dort in der Tat, dort hat die Angst es leicht.
Liebe Gemeinde, Liebe Gäste,
Es ist gut, das alles sehr genau zu kennen, die Mechanismen der eigenen Seele immer besser zu verstehen. Und dennoch sind uns oft die Hände gebunden. Die Angst läßt sich nicht gut vertreiben, wenn sie erst einmal aufgetreten ist. Was also tun? Elija hält geduldig aus, Paulus schreibt sich die Wut vom Herzen, Petrus schreit um Hilfe. All das ist gut und es ist ausdrücklich erlaubt - angesichts der Angst. Die Bibel sagt: Auf diese Weise kommt Gott mit ins Spiel, als Begleiter an unserer Seite: nicht als Vernichter der Angst, wohl aber als der, der auch dann noch da ist, wenn uns die Luft zum Atmen auszugehen droht.
(Vgl. www.kirchameck.de/Pred104Steiger.html)

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