Liebe Gäste,
Das kennen wir leider alle auch: Es gibt solche Tage, die man am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Oft ist es eine schlechte Nachricht, die uns regelrecht umhaut, vielleicht über eine Krankheit oder einen Unfall in unserem persönlichen Umfeld. Solch ein schlechter Tag könnte es bei Jesus auch werden. Soeben hat er eine ganz bittere Nachricht erhalten. Johannes der Täufer ist enthauptet worden, und zwar wegen seiner öffentlichen Kritik an Herodes (Und dieser lebte in einem ehebrecherischen Verhältnis mit seiner Schwägerin und Nichte Herodias (Mt 14,3-12)). Deren Tochter Salome wünschte sich seine Enthauptung als Lohn für einen Tanz zum Geburtstag des Herodes – ein bekannter Stoff für viele Filme und Gemälde...
Jesus ist so von Trauer erfüllt, dass er jetzt allein sein will. Wir haben gerade gehört, dass er mit einem Boot auf dem See fährt, um erst einmal Abstand zu bekommen, zu beten und nachzudenken. Doch diese Auszeit, die Jesus sich genommen hat, hält nicht lange an. Vom Ufer aus haben ihn viele Menschen erkannt. Sie gehen ihm am Ufer entlang hinterher. Sie suchen seine Nähe, sein Wort und auch Heilung - um jeden Preis. Jesus wird dringend gebraucht, denn diese Menschen wollen wissen, was dieser berühmte Rabbi ihnen zu sagen hat. Sie hungern nach seinem Wort. Dafür sind sie ihm bis an diesen abgelegenen Ort gefolgt. Als Jesus die Menge sieht, hat er Mitleid mit ihnen, wie es im Evangelium heißt. Er steigt aus und kümmert sich um sie, spricht mit ihnen und heilt die Kranken, die bei ihnen sind. Die Begegnung mit der Menge zieht sich in die Länge. Es sind viele, und Jesus nimmt sich offenbar Zeit für jeden. Während Herodes kurz zuvor mit Gewalt ein Leben genommen hat, schenkt Jesus nun vielen ein neues Leben. Worüber er zu ihnen spricht, wird im heutigen Evangelium gar nicht verraten. Etwas anderes steht im Mittelpunkt des Interesses.
Jetzt erst treten die Jünger Jesu in Erscheinung. Im Evangelium heißt es: "Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können." - Ja, so sind sie, die Jünger. Sie werden unruhig, weil Jesus mal wieder nur voller Mitleid an die hilfesuchenden Menschen denkt, ohne die organisatorischen Probleme zu sehen. Ihre Formulierung ist brutal deutlich:"Schick doch die Menschen weg!" Wenn die Leute noch länger da bleiben, muss man sich etwas einfallen lassen für ihre Verpflegung. Und da wissen sie beim besten Willen nicht, wie das bei einer solchen Menge gehen soll.
"Schick doch die Menschen weg!" - Wie oft denken wir das auch! Als einzelne Christen und auch als Kirche sehen wir oft genug so viele handfeste Probleme, dass wir wie die Jünger schnell kalkulieren:Das schaffen wir nie! Wie soll das bloß gehen? Wenn wir die Nachrichten im Fernsehen anschauen, kann uns schlecht werden: Krieg, Elend, Hunger! Etwa 24.000 Menschen sterben pro Tag an Hunger, etwa 13.000 Kinder sterben pro Tag an den vielen Folgen von Hunger, errechnete die UNICEF. Doch nicht nur diesen Hunger sehen wir. Auch den Hunger nach Zuwendung, den Hunger nach Sinn im Leben, den Hunger nach Liebe...Wie viele Kinder warten auf Eltern, die sich um sie kümmern? Wie viele Alte warten auf jemanden, der Zeit für sie hat? Wie viele Menschen auch in unserer eigenen Kirchengemeinde würden sich über ein gutes Gespräch freuen! Wie viele Reiche mit übervoll beladenen Tischen sind innerlich bitterarm und hungern nach wirklicher Wertschätzung ohne Blick auf ihr Geld? - Die Welt hungert. Und wir sind mittendrin in dieser Welt.
Wie reagiert Jesus auf die deutliche Aufforderung der Jünger? Schickt er die vielen Menschen mit einer eiligen und energischen Handbewegung weg? Das Evangelium verrät es: "Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns."
So klang es damals, und so klingt es heute. Wir rechnen auch unsere vorhandenen Mittel aus und müssen erkennen: Das reicht nicht! Wir haben nicht genug, um allen zu geben, wir können nur wenigen Menschen ihren Hunger nehmen. Schick die Leute weg!Sie sollen uns in Ruhe lassen. Es überfordert uns und überschreitet schmerzlich unsere Grenzen. Wir können von Glück sagen, wenn wir selber über die Runden kommen!
Ja, wir müssen es dir eingestehen, Lieber Herr Jesus: "Es mangelt uns an genügend Kraft und Möglichkeiten. Auch als Kirche sind wir oft nur eine Art Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Jesus, Du siehst, wir würden liebend gerne helfen, aber es geht beim besten Willen nicht immer. Sieh das ein! Es ist nicht so einfach…!"
Jesus hat gut zugehört und nimmt die Bedenken seiner Jünger ernst. Er hört sich auch alles geduldig an, was wir ihm sagen. Er hört wie bei den Jüngern damals, dass die Not daraus spricht. Es ist die alte Angst der Menschen, letztlich selbst zu kurz zu kommen. Es ist der alte Zweifel, der Mangel an Glaubensmut: Theoretisch glaube ich schon, dass Jesus hilft, aber ganz praktisch und bei mir und bei uns – nicht 100 % - das wage ich nicht zu glauben!
Und Jesus lässt die Bedenken der Jünger überhaupt nicht gelten. Er sagt nur mit Blick auf die fünf Brote und zwei Fische: "Bringt sie her! Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen."
Wir sollen das, was wir Menschen haben, zu ihm bringen. Das ist seine klare Ansage. Es mag uns sehr wenig vorkommen, aber wir sollen unseren Teil zu ihm bringen. Kürzer gesagt nur: "Bringt sie her!" - Und dahinter steht im heutigen Evangelium unübersehbar Jesu Ausrufezeichen!"Natürlich sehe ich eure Schwachheit, natürlich sehe ich eure Armseligkeit, eure engen Grenzen. Natürlich sehe ich die Fallen, in die ihr immer wieder hineintappt: Die Falle der Resignation und des kirchlichen Selbstmitleids, die Falle der Gleichgültigkeit, und was am schlimmsten ist: die Falle des Zweifels an Gottes Güte und Barmherzigkeit!" Jesus wird energisch, denn er sagt den Jüngern nicht nur, dass sie ihre Gaben bringen sollen, sondern er befiehlt im gleichen Atemzug, dass die Leute sich ins Gras setzen sollen. Das heißt doch: Wenn ihr mir das bringt, was ihr habt, dann kann es gleich losgehen mit dem Sättigen der Menschen."Gebt ihr alles, was ihr geben könnt, und bringt es zu mir. Dann bin ich dran." Wer das Alte Testament wie die meisten Juden damals gut kennt, der weiß: man rechnete damit, dass der verheißene Messias einst das Volk speisen wird, so wie Gott es mit Wachteln und Manna auf der Wüstenwanderung für sein Volk Israel tat. Ja, er wird seine Speise zur rechten Zeit geben...Was jetzt also geschieht, ist nicht nur ein ungeheuer beeindruckendes Wunder, sondern soll für gläubige Juden ein Zeichen sein, wer Jesus ist: "Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern…"Diese Wortwahl Jesu erinnert uns natürlich sofort an seine Worte im Abendmahlssaal, beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern, wo es heißt: "Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es seinen Jüngern und sagte: Nehmet und esset, Nehmet und trinket…" (Mt 26,26-28)
In der heutigen Szene haben wir also ein Bild für die Eucharistie: Was wir dem Herrn an Gaben bringen, das wird von ihm verwandelt. Daraus ergibt sich aber auch: Was wir nur für uns behalten und nicht abgeben, das kann auch nicht von ihm zum Heil der Welt verwandelt werden. Und was die Verwandlung unserer Gaben bewirken kann, schildert der Schluss des Evangeliums. Nachdem Jesus die Brote in Stücke gebrochen hatte, gab er sie den Jüngern. Weiter heißt es:"… die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder."
Wenn wir unseren Teil gegeben haben, können wir erleben, wie großzügig Gott wird, wenn er die verwandelten Gaben austeilt: Er schenkt uns allen viel mehr, als wir überhaupt verbrauchen können! Das ist ein kleiner Vorgeschmack auf den Himmel, auf die Überfülle der liebenden Fürsorge Gottes. Damals waren es 12 Körbe voll mit Brotresten, das erinnert an die 12 Stämme Israels.
Liebe Schwestern und Brüder,
Wenn Jesus also damals wie heute dazu aufruft:"Gebt ihr ihnen zu essen!", dann ist das kein netter frommer Spruch. Er meint es ernst. Niemand wird von ihm einfach so heimgeschickt.Wir wollen nicht hungrig bleiben, und andere auch nicht. Bringen wir Jesus also unsere Gaben, nicht nur bei der Kollekte. Jeder Tag, an dem wir großzügig von dem abgeben, was wir haben an Geld, Zeit, Ideen, Hilfeleistungen und allem, wonach gehungert wird, der wird ein guter Tag. Den braucht niemand aus dem Kalender zu streichen. Im Gegenteil. Amen.
Vgl. http://predigtgarten.blogspot.com/2008/07/18sonntag-im-jahreskreis-03aug2008.html
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