Liebe Gäste,
Am 23. März des Jubiäumsjahres 2000 kam es in Jerusalem zu einem denkwürdigen und in seinen Umständen geradezu abenteuerlichen Ereignis: Zusammen mit zwölf Vertretern der verschiedenen katholischen Riten feierte Papst Johannes Paul II. frühmorgens in aller Stille an einem eigentlich verbotenen und zugleich höchst heiligen Ort die Eucharistie, nämlich im Abendmahlssaal auf dem Zionsberg in Jerusalem. Fast 450 Jahre waren vergangen, seitdem dort zuletzt eine Messe gefeiert wurde. Der Zionsberg war dafür eigens abgesperrt worden, niemand durfte der Feier lauschen...
Liebe Schwester und Brüder,
An diesen geschichtsträchtigen (geschichtlichen) Ort, den Abendmahlssaal, führt uns das Evangelium aller drei Lesejahre am Siebten Sonntag der Osterzeit noch einmal zurück. Wir hören Worte aus der so genannten Abschiedsrede Jesu, mit denen er nach dem Letzten Abendmahl um die Bewahrung der Jünger in Gemeinschaft und um Einheit betete. Dieser Abendmahlssaal ist der Überlieferung nach identisch mit jenem Ort, an den die Jünger zusammen mit Maria nach der Himmelfahrt des Herrn zurückkehrten und bis Pfingsten im Gebet verblieben. Manche Traditionen sahen in ihm auch den Ort, an dem sich die Jünger nach dem Tod Jesu zurückgezogen und aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten.
Obwohl die Schriften des Neuen Testamentes keine nähere Angabe über seine genaue Lage machten, bildete sich schon bald ein bestimmter Ort in der Verehrung heraus. Ein frühchristlicher Schriftsteller, Epiphanios von Salamis, berichtete, dass Kaiser Hadrian bei seiner Reise nach Palästina im Jahr 130 Jerusalem noch so verwüstet vorfand, wie Titus es 70 nach Christus zerstört hatte, "mit Ausnahme einiger Häuser und einer kleinen christlichen Kirche, die sich dort erhob, wo nach der Himmelfahrt des Erlösers die Jünger in den Obersaal hinaufstiegen". Vielleicht hatte ihre Lage im südwestlichen Winkel der Stadt, im Bereich des heutigen Hügels Zion, diese kleine Kirche vor Zerstörung bewahrt. Doch in der Folge hatte das alte "Obergemach" eine wechselvolle Geschichte:
Im 4. Jahrhundert wurde über dem Kirchlein eine große Basilika errichtet, die den Namen "Hagia Zion" erhielt. Die Kreuzfahrer fanden sie in Trümmern vor und bauten auf den alten Fundamenten eine neue Kirche "Maria vom Berg Zion"; eine Kapelle im Nordschiff der Kirche war der Himmelfahrt Mariens geweiht, während das südliche Schiff den Abendmahlssaal beherbergte. Das nach dem Ende des lateinischen Königreichs wieder verfallene Heiligtum wurde 1333 von König Robert von Neapel erworben und den Franziskanern anvertraut. 1551 wurden die Franziskaner von den Türken vertrieben, bis 1948 diente der Raum dann als Moschee. Seither ist das Erdgeschoss des Abendmahlssaales im Besitz des Staates Israel und eine Synagoge, unter der man seit dem 16. Jahrhundert auch das Grab des Königs David verehrt.
Die biblischen Nennungen des Raumes spiegeln sich auch in den Bildern des Pfingstereignisses: Auf manchen älteren Darstellungen ist der Kreis der Apostel zu sehen, in der Mitte eine Tür, die fest verschlossen ist. Spätere Pfingst-Ikonen zeigen in der unteren Hälfte des Bildes auch den König David: Die Annahme, dass sich hier sein Grab befindet, geht auf die Predigt des Petrus zurück, die er am Pfingstfest hielt und in der er David zitiert, dessen "Grabmal bei uns erhalten ist bis auf den heutigen Tag" (Apg 2,29).
Die Geschichte des "coenaculums", des Abendmahlssaales, ist eine Geschichte von Krieg, Verwüstung, Auseinandersetzung und wechselnden Besitzes als Frucht dieser Streitigkeiten. Und in diesem Raum beschwor Jesus in seiner Abschiedsrede also die Gemeinschaft der Jünger, die Einigkeit der Kirche, das Behütetsein in seinem Namen, den wir als Christen tragen!? Dieser Raum und seine Geschichte machen uns freilich so auch die Diskrepanz zwischen dem "Schon" und "Noch nicht" deutlich: Wir sind "in der Welt", wie Jesus es sagt (Joh 17,15), und damit auch Kinder all ihrer Zerrissenheit. Und doch tragen wir die Gemeinschaft mit und in Christus als Keim des Reiches Gottes in uns. Wo wir diese Gemeinschaft leben und uns in der Liebe Christi bewähren, laden wir die Menschen in jenen Abendmahlssaal ein – egal, wo wir uns befinden. Vor allem will uns die Eucharistie Anteil an der Gemeinschaft Christi mit dem Vater und die Gemeinschaft untereinander im Heiligen Geist schenken.
Als Papst Johannes Paul II. in jenen Morgenstunden des 23. März 2000 das Brot in seine Hände nahm, sagte er: "Petrus und die Apostel sind heute in Gestalt ihrer Nachfolger in den Abendmahlssaal zurückgekehrt. Durch diese Feier der Eucharistie im Abendmahlssaal in Jerusalem sind wir mit der Kirche aller Zeiten und aller Orte vereint." Beten wir wie die Jünger und Maria, dass Jesus Christus uns seinem Geist sende, der uns zu dieser Einheit und Gemeinschaft führt. Amen.
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