Liebe Gäste,
Eine jüdische Überlieferung erzählt: Ein Rabbi sprach einen
Schüler, der eben bei ihm eintrat, so an: "Beniamin, was ist das – Gott?" Der Schüler schwieg. Der Rabbi fragte zum zweiten und dritten Mal. Und jedesmal schwieg der Schüler. "Warum schweigst du?", rief schließlich der Rabbi. "Weil ich es nicht weiß." – "Weiß ich’s denn?", sprach der Rabbi. "Aber ich muss es sagen; denn so ist es, dass ich es sagen muss: Gott ist deutlich da, und außer ihm ist nichts deutlich da, und das ist Gott."
Was ist das – Gott?.. Das Schweigen ist nicht die schlechteste Antwort! Mit welchen Worten wollten wir angemessen von Gott reden? Allzuschnell werden Worte leer und hohl (trivial). Der englische Schriftsteller Graham Greene (nominiert zum Literaturnobelpreis)
hat einmal gesagt: "Ich würde mich weigern, an einen Gott zu glauben, den ich verstehen könnte." Gott lässt sich nicht verstehen. Er übersteigt diese Welt, unsere Gedanken, unsere Worte. Sonst wäre er nicht Gott! Oder?.. Darum ist das Schweigen nicht die schlechteste Antwort auf die Frage nach Gott...
Warum reden wir dann trotzdem von Gott? Warum versuchen wir trotzdem, Gott in Worte zu fassen? Die Antwort des Rabbi: "Ich muss es sagen: Er ist deutlich da, und außer ihm ist nichts deutlich da, und das ist er." Gott drängt sich ihm auf. Er spürt es ganz deutlich: Gott ist da! Und das muss er sagen. Deshalb muss er von Gott reden. Selbst wenn er sich bewusst ist: Gott ist nicht zu fassen mit Worten. Gott ist nicht in Griff zu bekommen. Worte sind immer zu klein für ihn. So geht es Menschen, die erfasst sind von Gottes Gegenwart. Sie reden von Gott (im Alten und Neuen Testament) und auch wir heute in der Gemeinschaft: Wir müssen von ihm reden, wir können ihn nicht verschweigen. Alles jedoch, was wir über Gott sagen, muss erfüllt sein von der Ehrfurcht des Schweigens, das vor Gottes Geheimnis verstummt. So gilt es auch über Gott zu sprechen als den dreieinen Gott. Zugleich ist dieses Reden von Gott ein Protest gegen so manche falsche Rede von Gott. Der Gott, von dem die Heilige Schrift der Juden und Christen spricht, weil er sich Menschen zu erfahren
gegeben hat, ist kein Gott, der fern aller Welt – als unbewegter Beweger – unbeteiligt zusieht. Er ist kein Gott, der aus einer Laune heraus die Welt in Gang gesetzt hat, um zuzusehen, wie sich ihre Geschichte dann abspult. Er ist auch kein Gott, der sich die Welt als Spiel ausgedacht hat, um am Ende mit den Spielfiguren abzurechnen, ob sie sich auch artig und gehorsam an die Spielregeln gehalten haben.
Nein, der Gott, den wir heute feiern, wendet sich der Welt zu, weil
er sie liebt. Gott trägt Sorge für die leidende Welt. Gott im Jesus Christus leidet mit der Welt (mit Birma und China). Gott ist da im Leben und in der Geschichte der Menschen. Davon erzählen die Erfahrungen von Menschen, die sich verdichtet haben in den Texten des Alten und Neuen Testamentes. Der Gott, an den wir glauben, der eine Gott, zeigt uns ein dreifaches Antlitz, er schaut uns auf dreifache Weise an. Darum nennen wir ihn Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Vater nennen wir ihn, weil er der Urgrund allen Lebens ist. Ohne ihn gibt es kein Leben. Wer ein kleines Kind, ein neugeborenes, so klein und zerbrechlich, auf seinen Armen trägt, spürt der nicht etwas von der Quelle des Lebens, die wir Vater (und auch Mutter) nennen?
Denselben Gott, den wir Vater nennen, nennen wir auch Sohn. – Weil wir erkannt haben: Gott ist einer von uns geworden: ein Mensch, unser Bruder. Unfassbar, undenkbar, unausdenkbar! Gott selbst kam auf diesen Gedanken: in Jesus von Nazaret lebte er als Mensch unter uns Menschen. Da wurde seine Zuneigung ganz menschlich, da wurde sie hautnah, greifbar und sichtbar. Menschen bezeugen uns dies: In Jesus ist Gott uns begegnet, in ihm hat Gott sich ins Angesicht schauen lassen, in ihm hat Gott sein wahres Gesicht gezeigt. Und genau denselben Gott, den wir Vater und Sohn nennen, den nennen
wir auch den Heiligen Geist. Denn Gott ist auch heute als ganz nah erfahrbar, in uns selbst. Er wirkt mit der Liebe, die Jesus angetrieben hat, auch in uns. Er wirkt so, dass Menschen den Mut nicht verlieren, obwohl sie unter dem Leben leiden. Er wirkt so, dass Menschen aufmerksam werden, wenn andere leiden. Er wirkt, dass Menschen aufeinander zugehen und das Leben, Freuden und Sorgen miteinander teilen. Er wirkt, dass Gemeinschaft statt Egoismus wächst. Weil wir spüren, dass solche Kraft nicht aus uns stammt, sondern dass diese Kraft ER selbst ist, der sich uns schenkt, darum nennen wir ihn auch den Heiligen Geist.
Liebe Schwestern und Brüder,
Vielleicht wäre es besser zu schweigen – weil Gott nicht in Worte zu fassen ist. Aber "wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben" (Apg 4,20). Darum reden wir und bekennen Gott als den Dreieinen, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist. Amen.
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