Liebe Gäste,
heute über die katholische Kirche in China.
Offiziell sind fünf Religionen in China staatlich zugelassen: Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus. Zwar ist die "Freiheit des religiösen Glaubens" in der chinesischen Verfassung verankert. Doch zielt die staatliche Religionspolitik auf eine Kontrolle der Religionen ab und steckt der religiösen Betätigung einen engen Rahmen. Besonders stark davon betroffen sind der tibetische Buddhismus und der Islam, aber auch die christlichen Kirchen. Deshalb ziehen es viele Katholiken vor, außerhalb der staatlich zugelassenen Kirche zu praktizieren. Diese sog. katholische Untergrundkirche" wird vom Staat als illegal betrachtet und teils toleriert, teils mit unterschiedlicher Härte unterdrückt. Zwar ist die Spaltung innerhalb der chinesischen Kirche immer noch schmerzlich spürbar, doch ist die Grenze zum staatlich anerkannten "offiziellen" Teil der Kirche fließend.
Heute empfinden sich die chinesischen Katholiken, egal ob staatlich anerkannt oder nicht, ganz entschieden als Teil der katholischen Universalkirche. Sie wachsen trotz unterschiedlicher Standpunkte allmählich zusammen. Obwohl die VR China versucht, eine von Rom unabhängige katholische Kirche durchzusetzen, sind heute auch im staatlich zugelassenen Teil der katholischen Kirche Chinas mindestens 85% der Bischöfe vom Papst anerkannt.
Aufgrund dieser komplexen Situation schrieb Papst Benedikt XVI. am 27. Mai 2007 einen langen Brief an die katholische Kirche in China. Allein schon die Tatsache, dass der Papst einen Brief an die Katholiken eines einzelnen Landes schreibt, ist ungewöhnlich. In dem Brief dankt er der chinesischen Kirche für ihr Zeugnis der Treue. Er bespricht sodann verschiedene Anliegen, u.a. das Anliegen der Einheit innerhalb der chinesischen Kirche und mit der Weltkirche. Am Ende des Briefes bestimmt der Papst den 24. Mai – den Gedenktag der Jungfrau Maria unter dem Titel "Hilfe der Christen", die am Sheshan in Shanghai verehrt wird – zum weltweiten Tag des Gebets für die und mit der Kirche in China.
Kurze Geschichte der Kirche in China
Vor 400 Jahren begann die Geschichte der katholischen Kirche in Shanghai. Im Jahr 1603 ließ sich Xu Guangqi, ein hoher kaiserlicher Beamter, taufen. Bereits als junger Mann hatte er sich für die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der damals in China missionierenden europäischen Jesuiten interessiert und so das Christentum kennengelernt. 1608 kehrte Xu Guangqi zum Begräbnis seines Vaters in seine Heimatstadt Shanghai zurück. Er lud den Jesuiten Cattaneo ein, ihn zu begleiten und dort das Evangelium zu verkünden. Cattaneo blieb zwei Jahre und taufte in dieser Zeit zweihundert Menschen – der Kern der katholischen Gemeinde in Shanghai. Nachdem die europäischen Missionare im 18. Jh. China verlassen mussten, hielten die einheimischen Katholiken selbständig das christliche Leben in der Region aufrecht. 1841, kurz nach dem ersten Opiumkrieg, kamen wieder ausländische Missionare nach Shanghai. Die Stadt, die sich schnell zu einem internationalen Handelszentrum entwickelte, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jh. auch ein wichtiges Zentrum der katholischen Kirche Chinas. 1924 weihten die dort versammelten Bischöfe Chinas das ganze Land der Muttergottes "Hilfe der Christen", die im Shanghaier Marienheiligtum auf dem Berg Sheshan verehrt wird.
1955, sechs Jahre nach Gründung der Volksrepublik China, führte die kommunistische Regierung einen ersten schweren Schlag gegen die katholische Kirche Shanghais und verhaftete in einer Nacht über 400 Menschen, darunter den damaligen Bischof Pinmei, viele Priester und Gläubige. Eine völlige Unterdrückung allen religiösen Lebens in ganz China folgte in der Kulturrevolution im XX Jh., genau in den Jahren 1966-1976. Erst 1979 wurde die Shanghaier Kathedrale wieder für den Gottesdienst geöffnet, und 1982 nahm das Shanghaier Priesterseminar als erstes in China nach der Kulturrevolution wieder Priesteramtskandidaten zur Ausbildung auf. Seither ist viel geschehen. Unter der Leitung des heute 91-jährigen Bischofs Jin Luxian ist – wie auch in den anderen chinesischen Bistümern – eine neue, junge Generation von Priestern und Ordensschwestern herangewachsen. Seit 2005 hat die Diözese auch einen jungen Weihbischof Xing Wenzhi. Die Zahl der Katholiken in der Diözese Shanghai ist trotz der Jahre der Verfolgung von 100.000 im Jahr 1949 auf derzeit 150.000 gestiegen.
In ganz China sind die christlichen Gemeinden heute sehr lebendig. Sie sind zwar immer noch eine kleine Minderheit in der chinesischen Bevölkerung von 1,3 Mrd. Menschen, doch sie wachsen dynamisch. Im ganzen Land gibt es heute schätzungsweise 12-14 Mio. katholische Christen, rund viermal so viele wie 1949. Die Zahl der protestantischen Christen wird auf 25-50 Mio. geschätzt. Viele Menschen suchen wieder nach Orientierung bei den Religionen, auch beim Christentum. Ein Teil von ihnen findet den Weg in die Kirchen. In zahlreichen katholischen Gemeinden ist seit einigen Jahren ein missionarischer Aufbruch spürbar. Besonders das Interesse an der Bibel ist groß. An Ostern 2008 wurde die höchste Zahl von Taufen in der katholischen Kirche in neuerer Zeit gemeldet – über 13.000 im ganzen Land, wobei dies nur die offiziell bekannt gewordenen Taufen sind. Ein besonderes Phänomen in China ist das wachsende akademische Interesse am Christentum. Es hat dazu geführt, dass sich in chinesischen Buchläden eine ganze Reihe von Publikationen über christliche Theologie finden lässt, die aus der Feder nichtchristlicher chinesischer Wissenschaftler stammt. Manche Menschen beschäftigen sich außerdem privat oder im Freundeskreis mit dem Christentum, ohne sich taufen zu lassen.
Im China der "sozialistischen Marktwirtschaft" ist die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch gewachsen. Viele Menschen, besonders auf dem Land, haben keinerlei soziale Absicherung. Die katholische Kirche engagiert sich zunehmend im karitativen Bereich, etwa durch Kindergärten, kleine Ambulanzen, Hilfe für Findelkinder, Behinderte und Alte, Sorge für Leprakranke oder Stipendien für bedürftige Schüler und Studenten. Auch neue Themen werden in den letzten Jahren aufgegriffen, etwa die HIV/AIDS-Prävention oder die Arbeit mit Migranten sowie Hilfe für die Betrofenen nach dem tragischen Erdbeben (durch Caritas).
Zum Schluss Gebet für China:
Himmlischer Vater, Schöpfer der Welt und Lenker der Geschichte, du liebst alle Völker. Unsere Schwestern und Brüder in China haben eine lange Zeit leidvoller Prüfungen durchgestanden und dabei das Zeugnis der Treue zu Christus und seiner Kirche gegeben. Wir bitten dich, mach sie im Glauben fest, in der Hoffnung beständig und in der Liebe stark, damit durch ihr Zeugnis immer mehr Menschen den Weg zu Christus finden.
Herr, Jesus Christus, durch dein Leben, Sterben und Auferstehen hast du die Welt erlöst. Wir bitten dich, sende dem chinesischen Volk deinen Heiligen Geist, dass es die Frohbotschaft annehme und so an der Neuordnung der Welt mitwirke.
Darum bitten wir durch die Fürbitte Mariens, der Patronin Chinas, und der Heiligen Märtyrer dieses Landes. Amen.
Vgl. Katharina Wenzel-Teuber, China-Zentrum, in:
http://www.china-zentrum.de/Die-katholische-Kirche-in-China.207.0.html
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