Predigt zum 9. Sonntag (A) zu Röm 3, 21 - 25a.28
Liebe Schwestern und Brüder!
Ein Konzert war restlos verkauft. Die Künstler sangen einfühlsam und mit großer Leichtigkeit. Nach dem Schluss-Applaus erhielt das Publikum eine Zugabe nach der anderen. Die Sänger gaben sein Bestens. Danach wurde ihnen gratuliert: "Sie haben mitreißend gesungen, einfach großartig!" Dankbar nahmen die Künstler das Lob an. Man fügte noch lächelnd zu den Worten zu ihnen: "Aber so geschwitzt wie Sie hat hier noch kein Künstler." Ja, das wissen wir: man kann gelegentlich schon ins Schwitzen kommen - bei körperlicher Anstrengung, aber auch bei einer Klausur im übertragenen Sinne.
Und im übertragenen Sinne können wir heute ziemlich ins Schwitzen kommen. Heute ist der sog. Faschingssonntag. "Helau!"oder wie auch immer man in den Sitzungen sagt, auf dem Umzug, in der Fastnachtszeit. Und so warten manche sicherlich auf eine entsprechende Predigt...
Doch die liturgischen Gebete und die biblischen Texte des heutigen Sonntags sprechen andere, eine ernste, theologisch grundlegende Sprache. Gott selber kommt in Christus zu uns. In Ihm wird uns Gottes Nähe und Liebe geschenkt. Unverdient, aus Gnade sind wir gerettet. Das ist keine heitere, lustigere, aber doch eine Frohe Botschaft.
In der heutigen 2. Lesung aus dem Römerbrief wird uns besonders deutlich diese Frohe Botschaft zugesprochen. Paulus ist seit seiner Bekehrung vor Damaskus ein anderer geworden. Er ist ganz von Christus erfüllt. Er kann von sich bekennen: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2, 20). Es drängt ihn, Christus und Christi Botschaft möglichst allen Menschen zu verkünden. Dafür will er bis an die Grenzen der Erde reisen. Auf dem Wege nach Spanien will er die Christen in Rom besuchen. Er möchte sich - so schreibt er - an ihnen einige Zeit erfreuen und sich von ihnen für die Weiterreise ausrüsten lassen (Vgl. Röm 15, 24). Und so schreibt Paulus im Jahre 58 an die römischen Christen einen Brief. Bis dahin ist der Apostel Paulus den Römern nur vom Hörensagen bekannt. Jetzt stellt er sich persönlich vor, als ein hochgelehrter Mann. Er spricht seine jüdischen Mitchristen in der Sprache an, die ihnen aus ihrer eigenen Vergangenheit bekannt ist. Sie verstehen ihn spontan, wenn der Apostel von der Gerechtigkeit Gottes des Gesetzes spricht. Und aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte und Glaubenserfahrung wissen sie, dass es in Christus eine ganz neue Gerechtigkeit gibt. Diese neue Gerechtigkeit wächst aus dem Glauben an Christus. Orientiert an der Bibel, bestärkt der Hl. Paulus jene, die im Vertrauen auf Christus aus ihrer jüdischen Tradition heraus zum Glauben gefunden haben.
Doch er schreibt nicht nur an die Christen, die früher Juden waren. Er schreibt an alle Christen. Zur Gemeinde finden immer mehr Frauen und Männer aus dem Heidentum. Das sind alle jene, die durch das gelebte Glaubenszeugnis von Christen zum Glauben kommen. Vorwiegend sind das damals Menschen aus bescheidensten Lebensverhältnissen: Sklaven und andere Unterprivilegierte. Gerade die Sklaven erfahren in der Gemeinde zum ersten Mal in ihrem Leben Menschenrechte und Menschenwürde. Vor Gott sind wir ja alle gleich!
Bei all dem werden den Christen, die früher Heiden waren, manche Teile des Römerbriefes (auch die heutige Lesung) schwer zu verstehen sein. Das Alte Testament ist ihnen weithin unbekannt. Als sie sich für Christus entschieden, brauchten sie nicht zuerst das alte Gesetz und die Propheten zu studieren. Das Jerusalemer Apostelkonzil hatte sich zur bedingungslosen (vorbehaltlosen) Aufnahme von Heiden in die Kirche entschieden (vgl. Apg 15). Und so blieben ihnen theologische Begriffe aus unserer Lesung wie "Gerechtigkeit aus dem Gesetz" und "Gerechtigkeit aus dem Glauben" mehr verschlossen als offenbar. Aber das Jesus uns erlöst hat, ist auch für sie Mitte ihres Glaubens. Christus und seine Frohe Botschaft hat sie zum Glauben geführt.
Es gibt auch Vorbehalte von Judenchristen gegenüber Heidenchristen. Sie halten sich z.B. an ihre jüdische Vergangenheit fest. Einigen passt die ganze Heidenmission nicht - und erst recht nicht der Mann, der sich so leidenschaftlich für die vorbehaltlose Aufnahme von Heiden in die Kirche einsetzt. Das ist Paulus. Er präsentiert sich als von Christus, dem Herrn berufener echter Apostel. Im Auftrag des Herrn soll er überall und für alle das Evangelium verkünden. Diese innerkirchlichen Spannungen in der römischen Gemeinde will der Apostel beheben. Wir wissen bis heute: Innerkirchliche Spannungen sind immer ein Ärgernis.
So mahnt der Apostel die Empfänger des Briefes, einander zu ertragen (vgl. Röm 15, 1) und keine, keinen seiner Mitchristen zu richten und zu verachten (vgl. Röm 12, 3). Er rät, jeden mit der ihm geschenkten Gandengabe anzunehmen, denn wir alle sind Glieder des eines Leibes Christi (vgl. Röm 12, 4 ff.).
Liebe Schwestern und Brüder,
in der Ausgewogenheit, in der Proportionalität solcher Empfehlungen zeigt sich der Apostel als verständnisvoller Vermittler und um das Wohl der Seinen besorgter Mann der Kirche. Das ist am heutigen "Faschingssonntag" wichtige Frohe Botschaft für uns alle. Amen.
Vgl. Gerhard Engelmann, Orientierung aus demGlauben auch am "Faschingssonntag", in: Gottes Wort im Kirchenjahr (2011) 221-222.